Jason+MolinaJeff-Hanneman

Im März der große Jason Molina, heute der große Jeff Hanneman. Das ist traurig.

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Nadja

The End Records 2009

Manchmal gibt es Zeiten, in denen einen die Gegenwart nicht sonderlich interessiert. Manchmal sind diese Zeiten dann solche, in denen man die Beatles auflegt und die Swinging Sixties aufleben lässt oder einfach seine fröhliche Kindheit mit dem gelben Unterseeboot. Und manchmal sind es solche, an denen man wieder die alten Pavement-Platten rausholt und an die Sommerabende denkt, die man, noch erhitzt von der Sonne tagsüber im Schwimmbad, biertrinkend mit seinen Freunden verbracht hat, die Skateboards an den Bordstein gelehnt, die Hosen zerrissen, schöne Jungs und schöne Mädchen, die einander das große Versprechen auf eine große Zukunft geben und auf den Sonnenbrand scheißen, den sie sich heute geholt haben.

Manchmal aber sind solche Zeiten, in denen man zurückdenkt an die alten Tage, nicht ganz so fröhlich und versöhnlich. Denn da gab es ja noch die finsteren Winterabende, an denen man ungeduldig darauf wartete, endlich von den Freunden abgeholt zu werden, die schon einen Führerschein hatten, denn das eigene Dorf bot einem nichts in Laufnähe, und schon zweimal nichts, wo man mit dem Skateboard oder dem Fahrrad hätte hinkommen können an diesen kalten, dunklen Abenden. Man wurde abgeholt, und dann ging es doch bloß zur nächsten Party mit denselben Nasen wie immer. Abende, an denen man viel zuviel trank und trotzdem nicht betrunken genug wurde, um das Elend zu vergessen. Abende, an denen man, obwohl man schon schielte vor Apfelkorn und billigem Export, trotzdem noch die Blicke zwischen dem tollen Mädchen, wegen dem man überhaupt erst aus dem Haus gegangen war, und dem Arschloch an der Theke mitbekam. Abende, an denen die Finsternis zu groß wurde und man niemanden hatte, an dem man sich festhalten konnte, egal, wie gut die Freunde waren (und das waren sie – so gut, wie sie selbst hilflos waren). An solchen Abenden halfen Pavement nicht mehr, und Blumfeld auch nicht. An solchen Abenden, an denen Gesellschaft noch mehr wehtat als das Alleinesein, konnten nur noch New Model Army den Schmerz artikulieren, Slayer ihn betäuben und The Cure ihn versüßen.

Damals hätte diese Platte voller Coverversionen (auch von Slayer und The Cure) gepasst, die in ihrer Düsternis und Härte ebenso gut getan hätte wie in ihrer traurigen Zärtlichkeit und ihrem, ja, doch, in ihrem feinen Humor. Aber dafür habe ich sie heute, um mir die Erinnerungen an diese wirren Abende voller unangenehm lautem weißem Rauschen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, ehe sie verschütt gehen unter den Zumutungen des Alltags.

„When I See The Sun Always Shines On TV“ ist also der Soundtrack zu diesen grauen, emotional retrospektiven Tagen heute. Nadja sind eines der interessantesten Duos des Drone/Shoegaze/Postmetal, dessen eine Hälfte, Aidan Baker, wiederum einer der interessantesten und produktivsten Ambient-/Experimentalmusiker ist („Nadja“ ist dann auch ungefähr „Aidan“ rückwärts); die andere Hälfte besteht aus Bakers Lebens- und Bandpartnerin, der Künstlerin Leah Buckareff. Die Songauswahl ist irgendwie ebenso naheliegend wie überraschend, und schon der Titel verrät, daß hier zusammengebracht wird, was eigentlich nicht zusammengehört, setzt er sich doch aus dem 80’s-Popstück „The Sun Always Shines On TV“ von a-ha und der ersten Zeile aus Codeines „Pea“ zusammen: „When I see the sun / I hope it shines on me / And gives me everything…well, almost“. Und so disparat wirkt auch die Zusammenstellung der Originalinterpreten: My Bloody Valentine, Swans, Slayer, Elliott Smith, Kids In The Hall und The Cure gesellen sich zu Codeine und a-ha, und gerade mal das Zeitfenster grob um die 80er-Jahre (plusminus ein Jahrzehnt) scheint die Songs auf „When I See The Sun…“ einander zuzuordnen.

Das ist aber nur auf den ersten Blick der Fall. Denn das Album ist in der Tat höchst homogen, alle Lieder scheinen wie gemacht für die fuzzigen Gitarren- und Baßwände, den verhallten Gesang und das schleppende, nicht minder hallende Schlagzeug. Und wenn man sich dann die Originale anhört, bestätigt sich dieser Eindruck. So unterschiedlich sie vom Stil her auch sein mögen, allen wohnt eine gewisse Melancholie ebenso inne wie eine tiefe Einsamkeit, manchen auch eine fast schon brutale Dringlichkeit (und die erstaunliche emotionale Härte zum Beispiel, die man in a-has Popsong plötzlich spürt, nachdem man die Version von Nadja gehört hat, ist da schon immer gewesen). Freilich haben sich Nadja nicht die offensichtlichsten Originale ausgesucht (so sind die Stücke von Codeine und den Swans eben keine von vorneherein lauten Stücke, sondern bestehen nur aus Akustikgitarre und Gesang), aber dennoch ist die Zusammenstellung, betrachtet man sie aus dem Sound Nadjas heraus, logisch. Einzig „Long Dark Twenties“ ist im Original wesentlich fröhlicher als bei Nadja, aber auch hier findet sich noch die teenage angst, die dem Stück Dringlichkeit verleiht.

Es ist irgendwie majestätische Musik, die Nadja machen. Der Sound ist sehr mächtig und laut, aber gleichzeitig liegt eine große Ruhe in diesem Lärm, durch den Aidan Bakers verhaltene Stimme zärtliche Melodien singt. Und ja, diese Platte ist sehr zärtlich, dazu muß man nur hören, wie sanft die übersteuerte Gitarre am Schluß von „Pea“ gestrichen wird. Echter Metal findet sich trotz der immens verzerrten Gitarren und dem stoischen, maschinell wirkenden Schlagzeug tatsächlich nur im einzigen originalen Metalstück, nämlich in Slayers „Dead Skin Mask“ vom 1990er-Album „Seasons In The Abyss“, in dem Baker seine Gitarre dem Genre entsprechend brutal abgestoppt und die ohnehin schon düsteren Disharmonien ungemein schleppend spielt, die damit noch fieser klingen. Gleichzeitig ist „When I See The Sun Always Shines On TV“ auch eine einsame, verhaltene, sensible Shoegaze-Platte, deren Schlagzeug durch den Hall oft verschleppt wird, deren Gesang sich unter den Lärmwänden weckducken möchte. Und nur „Needle in the Hay“ von Elliott Smith mag ich nicht so sehr, es ist das einzige Lied, das Nadja hier nicht mit Mehrwert in ihre Welt überführen konnten. Aber das ist reine Geschmackssache.

Oh, und erwähnenswert ist auch das sehr schöne Booklet von Matt Smith, das Baker und Buckareff als Comicfiguren auf ihrem Weg durch die einzelnen Lieder begleitet und durch diese Form die irgendwie kindlich-naive Melancholie, die auch dem gewaltigen Lärm der Musik innewohnt, treffend wiedergibt und auf für sich ein kleines Kunstwerk ist.

„When I See The Sun Always Shines On TV“ verlängert die „Long Dark Twenties“ für mich um ein weiteres Jahrzehnt, beruhigt und verstört mich zugleich und ist nicht nur ein ganz originelles Experiment, sondern eine völlig stimmige Platte, die Ruhe und Fragilität in der Härte findet, und Härte an Orten, an denen man sie erstmal nicht vermuten würde. Die Finsternis der Teenagerjahre dauert an, und dafür braucht man Platten wie diese.

nadjaluv.ca
nadja.bandcamp.com
brokenspineprods.wordpress.com
theendrecords.com

nick_cave_push_the_sky_away

Bad Seed Ltd. 2013

In der Ferne spontan zum Ohrenarzt gemußt. Während der Untersuchung im Gespräch herausgefunden, daß er „Musik-Nerd“ und Bad-Seeds-Fan ist, früher für die Spex geschrieben und Nick Cave und Blixa Bargeld in den 80ern sogar interviewt hat („Blixa Bargeld hat dermaßen nach Urin gestunken während des Interviews, ein ganz intensiver, stechender Geruch nach Ammoniak“). Übereingestimmt darin, daß „Push The Sky Away“ eine der besten Platten von Nick Cave ist. Erheitert von diesem Arztbesuch zurück am Rechner beschlossen, endlich über „Push The Sky Away“ zu schreiben. Also.

Ich gebe gleich zu Anfang zu: Gefreut habe ich mich erstmal nicht auf diese Platte, und als ich sie dann doch beim heimischen Plattenhändler gekauft habe, geschah das nicht zuletzt aus Komplettierungszwang. Wenn ich schon die langweiligen Grinderman nach einem Album fallengelassen habe, wollte ich die Bad Seeds nicht ganz kampflos aufgeben. Es sprach allerdings einiges dagegen: erstmal eben Grinderman, die ich wirklich nicht besonders gut finde, dann das vorige Album der Bad Seeds, „Dig, Lazarus, Dig!!!“ (2008), das ich vielleicht einmal am Stück durchgehört und von dem ich außer dem Titelstück nichts behalten habe. Und dann, wahrscheinlich der gewichtigste Grund, der Weggang Mick Harveys, den ich trotz seines letzten, allzu glatten Soloalbums immer bewundert habe und der für mich das eigentliche Rückgrat der Bad Seeds war, Warren Ellis hin oder her.

Aber vor ein paar Monaten postete jemand in einem sozialen Netzwerk das erste Video, „We No Who U R“. Nachdem ich erstmal über die Schreibweise erschrocken war (Nick, dachte ich, hast Du diesen modernen Schmonz nötig, Ironie oder nicht?), hörte ich mir das Lied, das die Platte auch eröffnet, an, und war ganz angetan. Schläfrig klang es, langsam, irgendwie weit weg, aber sehr unprätentiös und eben nicht rockend. Ich mochte es, mochte die minimalistische Instrumentierung, mochte nach kurzem Zögern auch die offensichtlichen Samples, mochte, daß weder Klavier noch Gitarre gespielt wird, mochte die kleinen, schönen Gesangsharmonien und die Flöte von Warren Ellis. Später tauchte dann das zweite Video im Netz auf, „Jubilee Street“, das mich schlußendlich, gelinde gesagt, vom Hocker gerissen hat. Auch dieses Lied klingt sehr müde, in Caves Stimme liegt eine versteckte Traurigkeit, die ich schon lange nicht mehr bei ihm gehört habe. Der ganze Song basiert auf einem schönen, leicht angezerrten Gitarrenriff, verhaltenem Baß und Schlagzeug und einer tristen Geschichte über die Bordsteinschwalbe Bee, die mehr weiß, als sie zugibt. Und dann, mitten im Lied, das den Hörer bislang eher einlullt, plötzlich Rückkopplungen und Streicher, und kurz darauf kommt dieser große Moment, in dem das Schlagzeug das Tempo plötzlich leicht anzieht, Akustikgitarren und ein Rhodes Piano auftauchen, und die E-Gitarre immer ungeduldiger wird, bis sie endlich ausbrechen und Krach machen darf. Cave klingt dabei schläfrig und dringlich zugleich, und er singt die wundervolle Zeile „I got love in my tummy and a tiny little pain / And a ten ton catastrophe on a 60 pound chain“. Besser kann man das nicht in Worte fassen.

Ist „Jubilee Street“ mein Lieblingsstück der Platte und sowas wie ein kleiner Hit, stehen die restlichen Songs dem in kaum etwas nach. „Wide Lovely Eyes“ wäre eine ruhige, kleine, nur von Baß, Schüttelei und Rhodes getragene Ballade mit schwärmerischem Refrain und einer wunderschönen Zweitstimme von Conway Savage (der auf diesem Album sonst nichts zu tun hat), würde da nicht ein fast tonloses E-Gitarren-Loop rhythmisch dagegenhalten und dem Kitsch von „Uuuuh“-Chören eine gemeine, aber organische Nervosität unterlegen.

„Water’s Edge“ beginnt mit einem Baß direkt aus „She Fell Away“ von „Your Funeral, My Trial“ (1986; die Lieblings-Bad-Seeds-Platte des Ohrenarztes, übrigens), bleibt aber ganz verhalten, unruhig und drängend wie Jagdhunde, die nicht losgelassen werden, mit orientalisch anmutenden Geigen, einem ziellosen Piano und einem nervösen Schlagzeug, bis der Refrain dann resigniert und weltmüde innehält: „It’s the will of love, it’s the thrill of love, but the chill of love is coming down.“ Und dann, ganz am Ende, knurrt Cave noch ein wirklich lustiges „people“. Ja, Leute, so ist’s mit der Liebe.

„Mermaids“ ist dann einfach schön, aus flirrenden Gitarren und dem Rhodes-Piano, Baß und Schlagzeug werden dem Song zurückhaltend gerecht, und der Refrain ist einfach eine Rock-Ballade im allerbesten Sinn. „We Real Cool“ ist der Bruder von „Water’s Edge“, der Baß bleibt stoisch bei seinem Rhythmus, während der Song selbst seinen eigenen Weg zu gehen scheint, mit einem traurigen Refrain, schönen Streichern und verstreuten Klaviertönen. „Finishing Jubilee Street“ ist dann die Metaerzählng zum Hit der Platte, auch hier verschieben sich die Rhythmen, formieren sich in einer schwülen Sexualität, die klatschenden Hände eine Travestie des Mitmach-Rocksongs, und dann plötzlich der Refrain: klein, fast niedlich, fast jubilierend, eine Perle von klarer Schönheit vor der verhaltenen, morbiden, schmutzigen Düsternis des restlichen Liedes.

An vorletzter Stelle steht der „Higgs Boson Blues“, das in der Presse mittlerweile notorisch zitierte und notorisch gelobte Lied, in dem Cave den Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf mit Hannah Montana respektive Miley Cyrus, Robert Johnson und dem Teufel persönlich in einen Topf wirft und zu einem schwülen Blues zerkocht. Und obwohl das Lied in der Presse als das beste des Albums gelobt wird (nicht zuletzt wegen seines herrlichen lyrischen Unsinns), ist es für mich die Schwachstelle, das Lied, das am konventionellsten, dafür aber als Song an sich nicht gut genug ist, das weder mit den Melodien noch mit den Arrangements der restlichen Songs mithalten kann. In seiner lebensmüden Zurückhaltung hat es aber durchaus seinen Platz auf „Push The Sky Away“.

Den Abschluß bildet schließlich das Titelstück, das wiederum eine tiefe Müdigkeit ausstrahlt, weitgehend nur aus verschwimmender Orgel, minimal von Baß und Trommeln unterstützt, und der ebenso minimalistische Refrain ein weiterer echter Ohrwurm ist. Ein schöner, ruhiger Abschluß eines hervorragenden Albums. Zum Hören der Bonus-7″, die der Erstauflage des Albums beiliegt, bin ich leider noch nicht gekommen, freue mich aber darauf.

Es fällt auf, wie minimalistisch die Bad Seeds hier instrumental zu Werke gehen. Die Kerngruppe besteht insgesamt aus nur fünf Leuten (Cave, Warren Ellis, Thomas Wydler, Martin P. Casey und James Sclavunos; Conway Savage singt wie gesagt nur ab und an mit, und zweimal darf Barry Adamson zum Baß greifen), und selbst diese kleine Besetzung musiziert äußerst zurückhaltend, spielt nur das Nötigste, weiß um ihren Platz in diesen müden, fernen Liedern. Die Gastsänger und -sängerinnen wiederum sind insgesamt mehr als die Band selbst, was immer wieder für schöne Texturen sorgt, die den eigentlichen Gesang stützen.

Eigentlich hatte ich nach „Dig, Lazarus, Dig!!!“ und vor allem nach Grinderman ein unerfreulich rockistisches, prätentiöses Dicke-Hose-Album erwartet. Und mal ehrlich, schwitzigen Rock, das können andere besser, als es Cave mittlerweile beherrscht. Was er und Warren Ellis hier mit den reduzierten Bad Seeds aber produziert haben, ist eine wundervolle, verhaltene, müde, immer wieder hell leuchtende Platte mit großen kleinen Melodien, mit gerade genug Experimentierfreude, um den Kitsch abzuschießen, mit tollen Songs und einem Nick Cave, der stimmlich einfach nur bei sich selbst ist. Das beste Album seit vielen Jahren!

www.nickcave.com

Gutfeeling/Trikont 2012 / Gutfeeling/Red Can Records 2012

Und nochmal Gutfeeling, diesmal im Doppelpack, und zwar sind gerade zwei Bands abwechselnd auf meinem Plattenteller, die auf’s erste Hören unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber dann doch mehr miteinander gemein haben als man denken sollte, und deren Vinyl nicht zu Unrecht auf Gutfeeling erscheint. Kofelgschroa und Hummmel (ja, mit drei „m“) heißen die beiden Bands, Erstere ist irgendwie der bayrischen Volksmusik verpflichtet und bringt ihre CD folgerichtig bei Trikont raus, Letztere kommt hörbar aus dem Hardcore/Punk und macht minimalistischen Electro-Noiserock auf Red Can Records in Kooperation mit Gutfeeling in ungewöhnlicher Zwei-Mann-Besetzung.

Verpackt sind beide Platten wiedereinmal ungemein liebevoll mit Siebdruckcover, Einlagen (Kofelgschroa)  bzw. kleinen plüschigen Aufklebern auf der Innenhülle, die man durch zwei Löcher im Cover streicheln kann (Hummmel), und ein Downloadcode für den mp3-Player liegt auch bei. Da muß man aber bei Gutfeeling eh nicht mehr viele Worte verlieren. Zu den beiden Bands allerdings schon.

Kofelgschroa, vier Jungs aus Oberammergau, soviel prognostiziere ich jetzt schonmal, haben das Zeug, größer zu werden. Und das nicht nur, weil sie das schon seit einiger Zeit andauernde Volksmusik-Dekonstruktions-Revival bedienen, das (sage ich mit zugegebenermaßen nicht allzu viel Sachkenntnis) mit Attwenger, Stimmhorn und ähnlichen Bands schon vor einiger Zeit begonnen hat, dank der etwas exotischeren Volksmusik des Balkanbeat populär wurde und nun einiges an neuer Volksmusik gebiert, so wie auch die hier bereits besprochenen Landlergschwister. Dieser Exotismus ist zur Zeit zwar hilfreich, um bei einem größeren Publikum Aufmerksamkeit zu erlangen, ist aber die geringste Tugend von Kofelgschroa.

Ganz ähnlich wie Hummmel arbeiten Kofelgschroa, das fällt zuerst auf, in Schleifen. Da werden die drei klassischen Akkorde schonmal über Minuten repetiert, und ein Lied kann auch schonmal nur aus einer Textzeile bestehen (wie das Eröffnungsstück „Sog ned“), die Melodien der Bläser und des Akkordeons umspielen sich minimal variierend, und während sich diese einfachen Lieder langsam in ihre Überlängen hineinschrauben, merkt man irgendwann, wie schön sie sind. Und mit „schön“ meine ich wirklich schön. Obwohl Kofelgrschoa oft beherzt schief klingen, wacklig, eiernd, sind ihre einfachen Lieder von einer wunderbaren Harmonieseligkeit. Und das Schiefe, Wacklige rettet zusammen mit dem instrumentalen Bierstubenminimalismus diese tollen Melodien, diese schönen Harmonien (des Gesangs wie der Instrumente) davor, kitschig zu sein. Und, das erstaunt nach dem dadaistischen, fröhlichen und durchaus albernen Eröffnungsstück, melancholisch sind Kofelgschroa, wie dann bereits das zweite Stück „Eintagesseminar“ und sein Abgesang am Schluß des Stückes fatalistisch beweist: „Abwärts geht’s ganz alloa, kaaner braucht irgendetwas dafür doa.“

Seite eins beendet dann mein erklärtes Lieblingsstück, das „Schlaflied“, in dem zu Mollakkorden darüber sinniert wird, wer wie am besten wo und wann schläft oder auch nicht, bis dann plötzlich der Refrain einsetzt, auf eine kleine, müde Weise jubilierend, und Sänger Maximilian Paul Pongratz seuzft erst allein, dann begleitet von seiner Band: „Und die Augen so schwaar wia a Sackerl Zement, wo is a Wiesn wo i mi hinlegn könnt“. Wie wundervoll!

Überhaupt, die Müdigkeit, die Ruhe, die Freude: „Die Melancholie, die Traurigkeit, die Müdigkeit, ein Lebensgefühl von Freude und Dankbarkeit, Szenen und Beobachtungen versuchen wir in unseren Liedern, in unserem Auftreten und in den Videos zu vereinen. Das leicht Endlose und die Lust auf Ekstase entdecken wir immer wieder neu. Es geht um Freud und Leid, um Einsamkeit oder pure Zufriedenheit und überdruckventilische Ausschüttung.“ Es geht den vier Jungs aus Oberammergau also einfach um die reine Freude an der Musik, die man im etwas ungelenkten Jodeln von „Jäh I Di“ ebenso unbändig heraushört wie aus dem pumpenden „Wann I“, das in seinem Intro schier bei den schrägen Jazztönen landet, die man manchmal bei Tom Waits hört.

„Sofia“ und „Oropax“ sind dann eigentlich einfach schöne Popsongs, und hier wird klar, wo der Unterschied zwischen Attwenger und Kofelgschroa liegt: Machen Erstere tatsächlich Tanzmusik, geht es Letzteren eben auch um den Song an sich, um die schöne Melodie, die schöne Harmonie, das einfache kleine Lied. Und das ist gut so, denn das können die vier Buben: richtig schöne Lieder schreiben.

„14 Dog“ greift dann tief in die Chanson-Kiste und ist erstaunlich traurig. „Wäsche“ erinnert an die Liedermacher der 70er, nur ohne deren moralischen Gestus, vielmehr feiert das Lied die Schönheit des Alltäglichen, die sich dann auftut, wenn man nur genau hinschaut. „Luise“ führt einen dann erstmal ganz kurz hinters Licht, man meint, endlich im bayrischen Biergarten angekommen zu sein, würde das Lied nicht mit dem dritten Akkord wieder in diesem wundervollen Moll ankommen, mit dem Kofelgschroa mit immer wieder das Herz zu brechen verstehen. Hier bleibt auch „Verlängerung“, das sich mit der Melancholie der Existenz befasst, mit genauem Blick auf die Details des Alltags und dem unbedingten Wunsch, in dieser banalen, wunderschönen Welt noch eine ganze Weile bleiben zu dürfen. Und dabei werden sie so märchenhaft schwelgerisch wie Joanna Newsom, käme sie aus Bayern. So könnte die Platte dann aufhören und einen in einer wohligen Traurigkeit zurücklassen, aber Kofelgschroa möchten uns am Ende halt doch fröhlich machen und hauen mit „Oberammergau“ noch eine letzte Portion Wortsalat raus, verorten sich zum Schluß noch einmal deutlich in Bayern, lassen die Instrumente aber nochmal in die Ferne schweifen, Runden drehen, und plötzlich ist’s aus.

Wie fies nimmt sich dagegen Hummmels Eröffnungsstück aus: „guten morgen“ heißt es, und sollte man sich nach Kofelgschroa jetzt erhoffen, nett geweckt zu werden, hauen einem die beiden Insekten eine handvoll Wecker um die Ohren, die erbarmungslos ticken und den Rhythmus vorgeben, ehe „hinundher“ als Standortbestimmung die Richtung vorgibt: „wir sind hummmel und wir brummmeln heiter hin und her!“ Na, heiter geht anders, aber wach wird man von diesem kleinen Stückerl Noiserock aus Schlagzeug und Baß. „weck die“ ist dann die unbedingte Aufforderung, mitzumachen: „entdecke den brummm, entdecke den stock, die flauschige seite in dir“. Als würden DAF ihre flauschige Seite entdecken. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft kann man auch aus „beweg dich“ herauslesen, „tanz die hummmel“ sozusagen, mit Schlagzeug, fettem Baß, einem bisserl Moog und handclaps. Und kaum, daß man mit dem Tanzen angefangen hat, ist das Lied wieder vorbei. „für dich“ ist dann zäh wie teer und geht dann plötzlich dreimal so lang wie die anderen Lieder.

Eine gewisse Zähheit – und das ist ein Kompliment! – ist ohnehin konstitutiv für Hummmel, und hier kommen wir auf die Schleifenformen der Musik zurück, die auch Kofelgschroa prominent einsetzen. Sind diese Schleifen bei Kofelgschroa aber beruhigend und meditativ, so sind sie bei Hummmel quälend, gemein, hirnfickend, aber ziemlich zwingend. Und während man bei Kofelgschroa die elektronische Musik eher aus dem Strukturellen herauslesen muß, greifen Hummmel offensiv darauf zurück, bei „die zwei“ zum Beispiel, zwar immer noch handgemachte Musik, die aber problemlos in einem etwas stiloffeneren Club laufen könnte und nach Remixen schreit. Überraschend dann „um mich herum“ mit einer fast typischen Gutfeeling-Gitarrenmelodie, die aber von einem Baß kommt, und wäre der Rhythmus nicht militärisch und stramm, sondern lateinamerikanisch, das Lied könnte sich auch bei den Hermanos Patchekos verstecken.

Ein bisserl albern fängt die zweite Seite an, mit einer zitierten Melodie (jetzt müsste man halt wissen, woher…), ehe man von „du brauchst“ kräftig auf die Fresse kriegt, über vier Minuten lang. Ein schwerer Beat vom Schlagzeug, ein dreckig verzerrter Moog, dann das psychotische Versprechen, man selbst brauche „hummmel mehr als hummmel dich“, und man möchte da jetzt lieber nicht widersprechen. „paani“ dann instrumentaler (oder zumindest textloser) Punkrock, klassisch fast, nur halt ohne Gitarre. „lieblingsinsekt“ beginnt, als ob Trio „Da Da Da“ durch die Noiserock-Maschine gejagt hätten, und geht weiter als wahrscheinlich konventionellstes Lied auf der Platte – ein echter Indiehit, hätten Indiediskotheken Geschmack, inklusive „Uuuiiiuuuiii“-Mitsingteil, der so richtig abgeht, wie man sagt. „meine blüte“ zitiert dann frech und unverhohlen „My Sharona“ von The Knack und holt es in den minimalistischen Lärm-Kosmos von Hummmel, eine Coverversion der eigenen Art, meine Herrn, wie gut ist das denn? „unterwegs“ klingt dann wieder irgendwie bedrohlich, ein bißchen hämisch, so, als ob man mit den beiden Hummmeln lieber doch nicht unterwegs sein will, und „wir brummmen“ ist dann nochmal eine letzte Standortbestimmung: „wir spielen nicht, wir verzeihen nicht“.

Hummmel feiern also sowohl textlich als auch musikalisch einen fiesen Minimalismus, und wo die Texte süß sind, ist die Musik fies, und wo die Texte fies werden, bleibt das auch die Musik. Das Ganze findet grundsätzlich eher in höherer Geschwindigkeit statt und ist sowohl dem Punkrock als auch elektronischer Tanzmusik verpflichtet, manchmal hört man ein bißchen EBM raus, manchmal ein auch bißchen Egotronic. Spaß machen Hummmel allemal, wenn auch ein bißchen Angst.

Interessant ist, wie sich hier zwei Bands mit völlig unterschiedlichem Sound aus zwei völlig gegensätzlichen Richtungen der Idee der repetitiven Strukturen in der Musik nähern, ohne dabei den klassischen Song aus den Augen zu verlieren, wie beide Bands textlich gern dadaistisch sind, Kofelgschroa dabei mehr auf Inhalte achten, Hummmel die Texte völlig der leicht psychotischen Musik und dem Konzept der wahnsinnigen Insekten unterordnen, wie beide Bands über den Umweg desselben musikalischen Stilmittels – die Übertragung der Strukturen elektronischer in handgemachte Musik – zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Ist das Repetitive bei Kofelgschroa eher entspannt melancholisch, das Ende des Sommers, das man draußen auf dem Land mit ein paar Freunden am Lagerfeuer feiert, zerren einen Hummmel in einen engen, dreckigen Kellerclub, in dem Schweiß und Fäuste fliegen, aber auch eben noch eine Vernissage war.

Vielleicht, wahrscheinlich können die Fans der einen Platte nichts mit der anderen anfangen, andererseits sind beide Platten nicht umsonst auf dem Label der „Freunde selbstgemachter Unterhaltung“ erschienen – genresprengend, experimentell, gewagt, widersprüchlich, wunderschön, laut und ziemlich prima.

kofelgschroa.by
www.hummmel.com
www.gutfeeling.de
trikont.de
www.red-can.com

Gutfeeling, 2012

Wiedereinmal erwischen mich G.Rag und seine Hermanos Patchekos in der Fremde, fern der Heimat, auf einem Bett, das nicht meines ist, in einer Stadt, die nicht meine ist, bei einem Wetter, das nicht meines ist, mit nichts zu tun als zu warten oder einen fremden Boden zu wischen. Na, diese Entscheidung fällt leicht, und wiedereinmal ist es der Segen der modernen Technik, sprich: der Segen völlig legaler digitaler Downloads, weswegen ich an diesem etwas verunglückten Sommertag („Sommer“ bitte in Anführungszeichen denken) in den Genuß von Pain Perdu komme, dem mittlerweile sechsten Studioalbum des elfköpfigen Münchner „Caribbean Trash Orchestras“, wie sie sich selbst bezeichnen. Über die Hermanos Patchekos habe ich bereits hier genug gesagt, ebenso über ihr wundervolles Label Gutfeeling und ihre Kunst, Schallplatten so zu verpacken, daß die CD vor Neid kotzen will. Es sei nun also nur noch vermerkt, daß ich, erster Eindruck, trotz der wirklich miesen Laptop-Lautsprecher, die mir hier als Wiedergabemedium zur Verfügung stehen, schon bei den ersten Klängen ein bisserl bessere Laune habe.

Die Fremde ist ja ein gern verwendeter Topos der Hermanos Patchekos, drum passen diese Platte und ich heute auch auf Anhieb gut zueinander, habe ich den Eindruck, und schon mit dem ersten Lied, „Cumbia Oriental“, finde ich mich tief in Kolumbien wieder (erzählt mir das Internet), und wie schon der Opener ihres letzten Albums Hold Fast entführten mich die Münchner mitten in eine heiße Nacht voll von Schweiß, Leidenschaft und auch einem bißchen Melancholie. Die Trademark-Gitarre G.Rags gibt die Melodie vor, die klappernde Schlagwerk-Sektion macht mit, und dann kommen diese unglaublichen Bläser und spielen auf zum Tanz, vielstimmig, harmonisch, toll, und ein bisserl scheinen sich mir hier auch die Landlergschwister in die tropische Nacht eingeschlichen zu haben (und ohne hier theoretisch werden zu wollen muß ich doch wieder darüber staunen, wie nahe sich die geographisch fremdesten Volksmusiken doch manchmal sind).

Der „Train Song“ bleibt dann auch in der Fremde, zieht aus Südamerika nur weiter nach Norden, ein von einer ruhigen Boom-Chicka-Boom-Gitarre angetriebenes Country-Stück, von Akkordeon und Slide-Gitarre getragen, bis wieder die Bläser jubilieren und die müde Melancholie von G.Rags Stimme zum Funkeln bringen, bevor im wunderlichen Jahrmarkt-Stück „Swing Geneve“ die Steeldrums ausgepackt werden und ich mittanzen möchte.

Richtig hymnisch wird es, wenn „Uncle Mike“ angeritten kommt, der König des Saloons, möchte ich fabulieren, der aus den Sümpfen in die Stadt stolziert, hoch erhobenen Hauptes, mit breitem Grinsen, während die Cajun-Bläser und die Swamp-Bluesharp anheben, um ihm betrunken zu salutieren. Was für ein schönes Lied!

Nach dem Trunkenbold Onkel Mike wird es dann fast besinnlich, das Akkordeon erzählt im Dreivierteltakt ein bißchen von Paris, aber auch hier weht ein wenig Exotik mit, wenn die Steeldrums im Hintergrund ganz leicht schräg mitklingen. Ein Lied wie die Amélie der Betrunkenen, der Schausteller und Seeleute.

Nach so viel Harmonie, scheint es, müssen sich die Hermanos Patchekos wieder ihrer Hardcore- und Punkwurzeln besinnen und ziemlich gut „King of the Hill“ von den Minutemen covern. Und hier, im bläsergetränkten, hymnischen Refrain, wird mir nun klar, was anders ist an Pain Perdu im Vergleich zu seinen Vorgängern: G.Rag y Los Hermanos Patchekos sind noch harmonischer geworden, klingen noch wärmer, melodieseliger als eh schon, ein bisserl weniger traurig, melancholisch, ein bisserl weniger „Down By Law“ und mehr „Broken Flowers“. Den Bläsern und ihren harmonischen Möglichkeiten wird, so scheint es mir, mehr Platz eingeräumt, so auch bei „Phoenix“, einer Country-Ballade, die gemächlich den Mississippi hinuntertreibt und den Hörer sanft mit aufs gemütliche Floß nimmt, so wie die ganze Platte einen immer wieder mal einfach umarmt.

Im „Swing Monaco“ werden aber doch wieder die Melodika und die alte Hektik ausgepackt, sofort wippt der Fuß, schnippt die Hand mit, während sich Akkordeon und Melodika nicht mehr duellieren wie noch auf “Le Massacre du Melodica” vom Vorgängeralbum, sondern sich vielmehr umspielen und sich gegenseitig in Moll wiegen, bevor „Gaita“ wieder wundervoll sonnig wird, mit seinen Mariachi-Bläsern und der Gitarre, die wie zu Beginn der Platte die Melodie vorgibt.

Zum Schluß nehmen uns die Hermanos nach Idaho mit, an den „Edna Lake“, an dessen Ufer sie uns einen traurigen Waltzer vorspielen und eine traurige Geschichte erzählen (wenn ich den Text hier auf diesen Lautsprechern richtig verstehe) und uns dann, am Ende doch noch in Dur umkippend, mit einem schönen, angenehm angezerrten Gitarrensolo, diesen herrlichen Bläsern und dem feinen Akkordeon in den Sonnenuntergang reiten lassen.

Ein schönes Album haben die Münchner wieder gemacht, eine kleine Weltreise überall dorthin, wo es tagsüber sonnig und nachts warm ist, ohne dabei zu vergessen, daß zu einer Weltreise halt auch die Abschiede gehören. Jetzt können die schwülen Sommernächte mit ihren kühlen Drinks kommen, und wenn es weiter regnet, hör ich mir halt noch ein paar mal Pain Perdu an. Macht genauso gücklich.

www.gutfeeling.de

No Quarter Records, 2011

Mittlerweile habe ich die Hoffnung ja aufgegeben, von seinem Bruder Will noch ein neues Album zu hören, das nicht ein bißchen zu langweilig, ein bißchen zu selbstgefällig und ein bißchen zu glatt ist. Umso schöner ist es da, daß Ned Oldham in seiner neuen Inkarnation Old Calf eine ganz wunderbare neue Platte aufgenommen hat, die seiner Hauptband The Anomoanon in nichts nachsteht.

Ned Oldham ist nicht weniger produktiv als sein berühmter Bruder, der sich zuerst als Palace, dann vor allem als Bonnie „Prince“ Billy zuerst in die Herzen der Hörer, dann ins Feuilleton und schlußendlich in eine fade Wohligkeit gespielt hat. Nur hat es der berühmtere der beiden Brüder – zugegeben nicht ganz zu Unrecht – ins Bewußtsein der Öffentlichkeit geschafft, während Ned – völlig zu Unrecht – nur einem kleinen Fankreis bekannt blieb (vom dritten Bruder, Paul, der desöfteren in Bonnies Tourband mitspielt, ganz zu schweigen) und sich neben den tollen Anonoamon aufs Produzieren und Arrangieren im eigenen Studio verlegte (und somit einen großen Teil am Ruhm seines Bruders mitträgt).

Ein besonderes Merkmal und eine charakteristische Arbeitsweise Ned Oldhams ist es, auf bereits existierende Texte zurückzugreifen und sie in sein eigenes musikalisches Gewand zu packen, seien das nun Gedichte von François Villon oder von Robert Louis Stevenson, seien das Abzähl- oder Kinderreime, die in knapp einminütige, oder wie auf „Borrow A Horse“ in „richtige“, Lieder gefaßt werden. Dabei bewegt sich Oldham mit The Anomoanon in einem umsichtig modernisierten musikalischen Traditionskosmos, der sich stark am Folkrock der 70s orientiert, gerne mal in Jams ausartet, dabei aber auf die allzu barocke Verspieltheit und das allzu Hippieeske zugunsten einer stoischen, prosaischen Verträumtheit oder aber einer Hinwendung zu einem unprätentiösen Rock verzichtet, gottseidank. Spielt bei The Anomoanon der Rock-Aspekt des Begriffs „Folkrock“ noch eine größere Rolle, zum Beispiel in Form einer oft psychedelischen E-Gitarre oder auch mal in Form von CSNY-Riffs, so rückt bei Old Calf der Folk im Sinne einer daheim im Wohnzimmer funktionierenden, stromlosen Musik in den Vordergrund.

Die Entstehungsgeschichte von Old Calf (gegründet von Oldham und Marty Metcalfe, you see), die No Quarter erzählt, klingt dann auch nach einer kleinen Veranda-Band, die keine Verstärker braucht, um sich bei einem kühlem Bier nach Feierabend in den Sonnenuntergang auf dem Lande zu spielen (was auch schön hier zu sehen ist), nur die Liebe zur Musik. „Southern gentlemen“, sagt No Quarter, aber eine gewisse hinterwäldlerische Schrulligkeit, die Will Oldham perfektioniert hat, ist auch hier prägend. „Borrow A Horse“ ist eine ungemein entspannte Platte (das hat sie mit Wills letzten Werken gemein), die zu keiner Sekunde aufgesetzt wirkt, vielmehr eine Ruhe und Gelassenheit evoziert, wie man sie aus der Jack-Daniels-Werbung kennt (allerdings abzüglich der unschönen Assoziationen von Jack Daniels).

Das fängt gleich mit dem schwärmerischen „I Saw A Peacock with a Fiery Tail“ an, ein langsames, schwärmerisches Lied mit schönem Harmoniegesang, das sofort irgendwie friedlich stimmt. „Bonny Cuckoo“ greift ein Arrangement von Shirley und Dolly Collins auf, die sich ihrerseits legendär dieses Traditionals angenommen haben, das einzige Lied, zu dem Oldham nicht die Musik komponiert hat, ein lebendiges kleines Liedchen mit einem nahezu „flotten“ Beat. Ein bißchen melancholischer geht es dann in „When I Was Taken“ zu, bevor mit „Follow My Bangalorey Man“ mein Lieblingslied auf dem Album kommt, ein beschwingtes kleines Liedchen (wahrscheinlich) darüber, einfach durchzubrennen.

Bei „Do Not Play With Gypsies“ bricht dann Oldhams Lust auf den Rockaspekt des Folkrock durch, wenn auch nur gemäßigt. Das Schlagzeug wird konkreter, und es gibt eine solierende E-Gitarre, aber auch hier bleibt alles schön friedlich und abendsonnig. Das ist überhaupt das Merkmal dieser Platte, auch im folgenden, eher melancholischen „Far From Home“, ein Lied des einsamen Sängers an seine ferne Geliebte, die doch auch an ihrem Hochzeitstag an ihn denken möge, das am Ende in einen sanften psychedelischen Jam ausbricht und damit die erste Seite beendet.

Die zweite Seite beginnt mit dem Country-Stomp „Stool-ball“ über ein dem Cricket ähnliches englisches Ballspiel aus dem 15. Jahrhundert, und mit dem nachfolgenden Lied „A Gift, a Ghost/Monday Alone“ kommt der vielleicht einzige kleine Schwachpunkt des Albums. Zu gewöhnlich, zu langsam ist dieses Lied, was es allerdings noch zu keinem schlechten macht. Spannender ist da „There Are Men in the Village of Erith“, das musikalisch am ehesten an den britischen Folk gemahnt, aus dem die Texte stammen, ein irgendwie grusliges Lied über diese Männer, die niemand sieht oder hört, und auch „Henry was a Worthy King“ verläßt die Wohligkeit, um in eine für „Borrow A Horse“ ungewöhnliche Melancholie hinabzusteigen. „What did I Dream“ schließlich, das letzte Lied des Albums, wird noch einmal sanft psychedelisch, mit mäandernden Gitarren und Orgeln, fernen Gesangsharmonien und einem für Old Calf-Verhältnisse fast schon wilden Schlagzeug.

Und dann überläßt Oldham den Hörer der Stille, den Bildern, die diese Platte im Kopf hervorgerufen hat. Zeitlos, so liest man im Internet, sei das Album trotz seiner starken Bezüge auf die Vergangenheit, und das stimmt. Sanft modernisiert hat Oldham diese alten britischen Kinderreime, auch sanft amerikanisiert, was wunderschön gelungen ist und den Liedern neben der britischen Folklore eine uramerikanische Weite verleiht. Old Calf ist, im Vergleich mit The Anomoanon, die behutsamere Band, friedlicher als letztere, ohne dabei aber in die Saturiertheit von Bruder Will abzurutschen. Vielmehr steht alles hier im Dienst der Lieder und der alten Texte, für die Ned Oldham sich sehr begeistert, wie hier nachzulesen ist.

Auf jeden Fall aber ist „Borrow A Horse“ ein wundervolles, friedliches, reichhaltiges und sehr warmes Album voller wundervoller Lieder, vorgetragen mit einer Sanftheit, die niemals langweilt, sondern immer neue Bilder erzeugt. Ein großartiges kleines Album, das hier in Deutschland wahrscheinlich weitgehend unbemerkt bleiben wird. Aber vielleicht liest das hier ja jemand, und der soll dann diese Platte kaufen gehen.

oldcalf.com
nedoldham.blogspot.com
noquarter.net

Polydor 1978

Heute Nacht hat sich Ludwig Hirsch nach einer Lungenkrebsdiagnose mit 65 Jahren das Leben genommen. Und obwohl man ja dauernd hört, daß jemand stirbt und man ja immer schon froh ist, wenn es niemand ist, denn man besser kannte, war ich trauriger, als ich erwartet hatte, und bin es immer noch. Sicher, vor ein paar Tagen erst hat’s auch Georg Kreisler und Degenhardt erwischt, aber von denen wußte ich nicht einmal, daß sie noch am Leben waren. Ludwig Hirsch aber, der Ludl, wie ich ihn in meinem Kopf immer genannt habe, das war nochmal etwas anderes.

Natürlich habe ich – nicht ganz ohne ein morbid-fasziniertes Schaudern – darüber spekuliert, was wohl in einem Menschen vorgeht in diesen letzten Momenten, in denen er so eine Entscheidung zu treffen hat. Und ich hoffe, daß Ludwig Hirsch diesen Moment mit derselben tieftraurigen Heiterkeit ertragen hat, die man in seinen Liedern findet, daß er den Freitod nicht in Panik, sondern mit derselben Ruhe gewählt hat, mit der er den Tod immer besungen hat. Es steht mir freilich eigentlich nicht zu, darüber hier zu schreiben, und auch wenn ich es jetzt doch getan habe, es sei jetzt genug, es soll jetzt um Hirschs Debütalbum „Dunkelgraue Lieder“ von 1978 gehen.

Ludwig Hirsch geistert durch mein Leben, seit ich denken kann, und er tauchte an den seltsamsten Stellen immer wieder auf. Zuerst gehört bei meinem Vater, schon als kleines Kind, mochte ich Hirsch von Anfang an, waren seine Lieder doch immer irgendwie witzig, und auch wenn ich die Tragik, die Grausamkeit, die Morbidität, den Spott und auch die tiefe Liebe in diesen Liedern freilich nicht verstehen konnte, diese beruhigende, sympathische Märchenonkelstimme packte mich, den Buben, sofort. Was wirklich hinter diesen „Dunkelgrauen Liedern“ steckt, habe ich erst viel später verstanden, als ich mit seltsamen und lieben Freunden zusammensaß, in den ersten Semestern, als man noch „Bohème“ sein wollte, und dem morbiden Charme Hirschs verfiel, amüsiert von seiner Dreistigkeit wie auch berührt von seiner Feinfühligkeit, oder erst kürzlich, als ich mit einer Internetbekanntschaft Youtube-Videos von Hirsch ausgetauscht habe, einfach so.

Von Film und Theater und vor allem aus Österreich kommend, fand sich Ludwig Hirsch irgendwann dazu genötigt, auf den „faschistischen Mief“ der österreichischen Provinz zu reagieren. „Watschen, nichts als Watschen“ kriege man ab, so der Begleittext zu seinem ersten Album: „Ich will auf meine Art einige dieser Watschen zurückgeben. Deshalb habe ich diese Platte gemacht.“ Was darauf dann trotz dieser Ankündigung doch sehr wohlig, sehr heimelig und gemütlich klingt, schön arrangiert, schön vorgetragen, Wohlklang an Wohlklang, ist in Wirklichkeit eine bitterböse Abrechnung mit einer dreckerten Welt, die es wirklich nicht besser verdient hat. Dabei ergreift Hirsch immer und bedingungslos Partei für die Schwachen, wie in „Der blade Bua“: „Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf d’Welt, und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d’Augen. Unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer g’winnt.“ Da ist es so sehr tröstlich, daß wenigstens Hirsch diesem armen, fetten, geplagten Buben mit seiner zärtlichen Stimme ein Denkmal setzt, das stärker ist als jede Rachephantasie. Und auch den kleinwüchsigen Freund des Erzählers verteidigt er in „Der Zwerg“ („potent wie a Büffel, aber einsam wie der Tod“), nimmt dabei jedes Vorurteil selbst in den Mund und speit es den bösartigen Trotteln zurück vor die Füße.

„Die Omama“, einer der großen Klassiker Hirschs und das erste Lied, das man von ihm zu hören bekam, ist nur anfangs ein schönes, leicht melancholisches Trauerlied um die verstorbene Großmutter, denn es entpuppt sich bald als boshafte Abrechnung mit der Nazioma, die ihren Enkel immer nur terrorisiert und den Hitler bis zuletzt an der Wand hängen hat, „er hot ihr ja des Mutterkreuz verlieh’n“. „I lieg am Rucken“ als Fanal zu bezeichnen wäre hier ein bißchen verwegen, großartig und traurig ist dieses Lied dennoch, gesungen von einem, der im Sarg liegt und friert und nur auf eine Träne seiner Geliebten oben am Grab hofft, die ihn wärmt und die Würmer vertreibt, die sich ihm ins Hirn krallen. Und wenn er – seine allerletzte Hoffung – exhumiert werden sollte, dann will er sie zu sich ins Grab holen, damit er nicht friert. Nicht gerade eine erfreuliche Aussicht für die Geliebte, aber wenn man Hirsch so sanft und sehnsüchtig, so schicksalsergeben singen hört, wer hätte da kein Verständnis für diesen einsamen Toten? Und auch „Der Wolf“ in seinem Käfig, der von der Freiheit träumt, von den anderen Tieren gemobbt wird und dem sie „die Zähn aus’m Maul außegrissn“ haben, weil er sich einmal gegen die Demütigungen gewehrt hat, wird von Hirsch sanft verspottet: „Dort, wo der Regen net bitter schmeckt, dort, wo die Nacht die Zigeuner versteckt, dort, wo die Sonn‘ deine Wunden heilt, dort is des Land, das Freiheit heißt – so glaubt er, der alte, blöde Wolf!“ Und trotzdem, dieser armen Kreatur gehört Hirschs ganze Sympathie, seine ganze Kraft und Liebe.

Den Humor verliert Hirsch dann aber doch einmal, in „Der Dorftrottel“, eine bitterböse, gehetzte Erzählung über einen katholisch verblendeten Dorfmob, der den Außenseiter totschlägt, weil eine Bäuerin eine Totgeburt hatte und irgendjemand ja schließlich Schuld haben muß. Hirsch ist hier ganz bei diesem armen Menschen, voller Fassungslosigkeit über den feigen Pfarrer, der einfach abhaut, voller Wut auf die Dorfgemeinschaft und voller Gift und Galle gegen die Scheinheiligkeit des Katholizismus, aus dem so ein Aberglaube erst entstehen kann. „Herrgott, dank dir schön.“

Die Kinderschänder kriegen’s auch ab, der nette „Herr Haslinger“, dieser perverse Kindsmörder hinter der gutbürgerlichen Fassade, oder schlimmer noch der Perspektivwechsel in „Geh spuck den Schnuller aus“, ein Lied, das so ziemlich jedes Tabu mit einer Heiterkeit bricht, daß es einem kalt den Rücken herunterlaufen würde, müßte man nicht so herzlich lachen über diese obszöne und drastische Neuinterpretation klassischer Märchen in beschwingtem Rhythmus. Und dann gibt’s da auch noch die ganz albernen Lieder, „Die Spur im Schnee“ oder das „Liebeslied“, das en passant und ganz selbstverständlich auch noch Lesbensex thematisiert und den vorherrschenden männlichen Diskurs ganz schön blöd dastehen läßt. Bei all den Grausamkeiten des Lebens und der menschlichen Natur braucht’s dann doch ab und an die Flucht ins Humorige. Natürlich nicht ohne spöttische Boshaftigkeit.

Der Tod war also schon immer ein steter Begleiter auf Hirschs Platten, die Einsamkeit, das Böse im Menschen, aber auch die unbedingten Sympathien für die Außenseiter (allein schon, wie der ein bißchen blöde Blues von „Der Zwerg“ umkippt in eine ungemein zärtliche Melodie, wenn Hirsch dem Zwerg Gutes wünscht, es bricht einem das Herz). Es geht um das richtige Leben im falschen und um ganz schön viel blöde Witze. Musikalisch ist alles sehr gediegen, sehr gemütlich, kammermusikalisch und bürgerlich, und alles im Dienste dieser tiefgründigen Geschichten, hervorragend bösartig und ironisch inszeniert, vielschichtig, zart, gemein, heiter, düster, und am Ende gibt’s sogar ein „Happy End“, natürlich nicht ohne Beleidigungen.

Sein traurigstes, todessehnsüchtigstes und zugleich hoffnungsvollstes Lied, „Komm, großer, schwarzer Vogel“, ist auf Ludwig Hirschs gleichnamigem Zweitling, aber die „Dunkelgrauen Lieder“ sind seine wahrscheinlich schönste Liedersammlung. Was mir diese Platte bedeutet, wieviel Geschichte sie für mich beinhaltet, kann ich hier gar nicht sagen. Sagen kann ich aber, daß ich selten einen so umsichtigen, zärtlichen, boshaften, klugen, humorvollen, großherzigen Sänger, Texter und Musiker gehört habe wie Ludwig Hirsch mit seiner einzigartigen Stimme, seinem Wiener Schmäh und seinem melancholischen, leicht verrückten Hundeblick.

Was für ein Liedermacher, was für ein Mensch, der da von uns gegangen ist. Ludwig, pfüadigott, mach’s drüben genauso gut wie hier.

www.ludwighirsch.at

Mach’s gut, Ludwig

25. November 2011

Ludwig Hirsch 1946 – 2011

Heute Nacht ist Ludwig Hirsch von uns gegangen. Das ist wirklich traurig. Schlaf gut, Ludwig.

Merge/Tomlab 2011

Es ist ein wenig gemein gegenüber den anderen Liedern auf diesem Album, daß ausgerechnet „Damn These Vampires“ direkt am Anfang steht. Als die Platte schon einige Zeit vor Veröffentlichung im Stream zu hören war, habe ich es nicht über mich gebracht, mir die Vorfreude auf das Vinyl zu verderben und daher nur eben diesen ersten Song angehört, zwei oder drei Mal. Und ich war sofort unglaublich verliebt. Ich weiß nicht genau, was dieses Lied so zwingend macht (das heißt, ich weiß es schon genau: es ist die Gesangsmelodie der je ersten zwei Zeilen der Strophen, es ist der Akkordwechsel „A-E-D“ an deren Ende, es sind diese tiefmelancholischen Bilder, die Darnielle dichtet, es ist seine sanfte, traurige Stimme), ist es doch eigentlich ein bisserl kitschig, vielleicht ein bisserl zu sehr konventioneller Adult Oriented Indie Pop, lässt es doch die Hysterie und den Sturm und Drang, die die früheren Alben der Mountain Goats ausmachen, missen. Aber trotzdem. Manchmal packen einen manche Lieder so derart, daß man sie wieder und wieder hören muß, und daß man jedesmal die Tränen runterschlucken muß, wenn man Zeilen hört wie „Sleep like dead men / Wake up like dead men“ oder „And let those glass doors open wide / And in their surface / See two young, savage things / Barely worth remembering“.

Aber nach vielfachem Hören von „All Eternals Deck“ nutzt sich die Wirkung dieses Liedes natürlich ab, und das Herz wird frei für die anderen Songs von „All Eternals Deck“. Und die stehen dem Opener eigentlich in nichts nach. Doch dazu später.

Der Clou an „All Eternals Deck“ ist, daß die Mountain Goats das Album mit insgesamt vier verschiedene Produzenten an vier verschiedenen Orten aufgenommen haben, unter anderem – und das freut den Death-Metal-Fan, der ich einst war, verwundert aber bei dem glühenden Death-Metal-Fan, der John Darnielle noch immer ist, kein bißchen – Erik Rutan, ehemals Gitarrist von Morbid Angel, jetzt Vorsteher von Hate Eternal. Und ein feines kleines Detail ist, daß Darnielle Rutan nicht etwa die härteren, rockigen Songs überlassen hat, sondern zwei düstere, eher verhaltene Songs („The Autopsy Garland“, „Beautiful Gas Mask“) und zwei wirklich sonnige Lieder („Birth Of Serpents“ und „Sourdoire Valley Song“). Und Rutan wird diesen Liedern mehr als gerecht, baut in die düsteren beiden kleine Effekte ein (der schnarrende Baß in „The Autopsy Garland“, dieser seltsam zischende Effekt in „Beautiful Gas Mask“) und verleiht den schönen, heiteren Songs eine tiefe Wärme.

Es führt mir hier zu weit, die Besonderheiten der anderen, für Indie-Hörer wahrscheinlich weniger kuriosen Produzenten (Brandon Eggleston, Scott Solter und John Congleton) zu analysieren. Erwähnt sei aber noch das schöne Scheppern in „Estate Sale Sign“, einem echten Rocksong ohne E-Gitarre, und der leichte Delay auf der Stimme, die dem ganzen einen Garagencharme verleihen und trotzdem in jedem Detail klar bleiben.

Und a propos Details: Eine weitere Stärke von „All Eternals Deck“ sind all die kleinen Details in den Kompositionen und den Arrangements, die nie überladen wirken, die Platte aber trotzdem von Anfang bis Ende aufregend machen. Seien es die alpträumerischen Akkorde und die orientalisch und altertümelnd anmutenden Streicher (arrangiert von Yuval Semo, der auch in der aktuellen Tourband mit dabei ist) von „Age Of Kings“, sei das die kleine Doppelung von Darnielles Stimme im voranstürmenden „Prowl Great Cain“ (ein weiterer absoluter Favorit), sei es der Akkordwechsel vom A auf das G in der zweiten Zeile des Refrains von „Never Quite Free“.

Am allerschönsten allerdings sind die North Mountain Singers auf „High Hawk Season“, die dieses kleine Stück, das ansonsten nur aus Darnielles Stimme und seiner Akustikgitarre besteht, mit einem ausgefeilten a-capella-Arrangement unterlegen, das sich irgendwo zwischen Kunstlied und Appalachenmusik bewegt. In anderen Kontexten klänge so ein Chor vielleicht zu dick aufgetragen und albern, hier aber bereichert er das Stück um viele Farben, spendet Kraft und Hoffnung, ist ganz einfach wunderschön.

Jenseits der Arrangements finden sich auf „All Eternals Deck“ aber auch ein paar der schönsten Lieder, die John Darnielle je geschrieben hat. Ob er, wie im bereits erwähnten „Age Of Kings“, seinen Drei-bis-vier-Akkord-Kosmos um seltsam offene Harmonien erweitert, oder ob er genau das macht, was er immer schon konnte, wie in „Never Quite Free“, „Liza Forever Minelli“ oder in „Birth Of The Serpents“ – es gibt kaum schwache Momente im Songwriting. Glitt das Vorgängeralbum „The Life Of The World To Come“ (2009) gegen Ende hin in eine gewisse Belanglosigkeit ab, so hält Darnielle hier sein Niveau bis zum Schluß. Sicher: „Liza Forever Minelli“ ist kein „Prowl Great Cain“, mit dem „Sourdoire Valley Song“ werde ich, im Vergleich zu den wunderbaren anderen Liedern, nicht wirklich warm, und „Never Quite Free“ lebt für mich hauptsächlich von diesem einen Akkordwechsel und dem irgendwie ermutigenden Tempo und dem Beat, und aber dennoch trägt diese Platte von Anfang bis Ende. Das mag dann nicht zuletzt doch an der Produktion liegen, denn die irgendwie homogene Heterogenität der vier Produzenten macht vieles interessanter, was in einem einzigen Sound vielleicht doch ein wenig langweiliger geworden wäre. Sei’s drum, das Songwriting auf diesem Album ist wirklich gut.

Dem stehen auch die Texte in nichts nach. Von 70er-Jahre-Horrorfilmen seien sie inspiriert, sagte Darnielle in einigen Interviews, vom Grauen, das in den Alltag einbricht. Aber, und auch das hört man von ihm immer wieder, eigentlich geht es in seinen Songs ums Überleben, um Hoffnung und Kraft. Man kann diese Texte durchaus auch als Gedichte Lesen, als kleine, hilfreiche Geschichten, deren Moral lautet: „Du wirst überleben!“, und die vor wundervollen kleinen Zeilen nur so strotzen („When the sun comes try hard not to hate the light / Some day we’ll try to walk upright“; „We are young supernovas and the heat’s about to break“; „Sometimes a great wave of forgetfulness rises up and blesses me / And other times the sickness howls and I despair of any remedy“; „Regrind the lens again and again and again but still the picture flips / Anyone here mentions Hotel California dies before the first line clears his lips“).

Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es in den liner notes auch noch eine recht ausführliche Geschichte des „All Eternals Deck“, ein scheinbar apokrypher Tarotkartensatz (Wikipedia behauptet, das sei alles erfunden) – that’s entertainment.

„All Eternals Deck“ ist tatsächlich eine der schönsten, vielseitigsten und besten Platten, die die Mountain Goats je gemacht haben. Sicher, mit dem Lo-Fi-Folk der ersten Tapes und der frühen Alben hat dieses Album nicht mehr viel zu tun. Vielmehr muß man sogar von einer Indierock-Platte sprechen, auch wenn dieser Begriff mittlerweile grauslig geworden ist und grauslige Menschen evoziert, die grauslige Musik hören. Wahrscheinlich aber ist „All Eternals Deck“ einfach eine Sammlung einiger der besten Lieder, die je geschrieben worden sind, mit einigen der besten Arrangements, die man je im Popsektor hören konnte, vorgetragen von ein paar der sympathischsten Musikern, die es gibt. Punkt.

www.mountain-goats.com
www.mergerecords.com
www.tomlab.de

P.S.: Schöne „Essays on the work and art of the Mountain Goats“ finden sich auf Sad Young Cardinals, z. B. von Eurem Dr. Schreck.

Kranky, 2008

Vielleicht wollte mir mein Freund R. einfach den Frühling verderben. Irgendwie werde ich diesen Gedanken einfach nicht los, auch wenn ich R. das weder unterstellen will noch kann. Denn die Wahrheit ist, daß er mir zum Geburtstag einfach das „zugänglichste“ Album seines Lieblingsmusikers schenken wollte und mir damit eine der intensivsten, besten, schönsten, traurigsten, einsamsten und verstörendsten Platten gegeben hat, die ich je gehört habe.

Erzählt hatte er mir schon öfter von Boduf Songs, dem Vehikel des mittlerweile in den USA lebenden Briten Mat Sweet, der seine Lieder daheim im Schlafzimmer mit nur einem Mikrofon aufnimmt, wie uns das Internet verrät. Mein Interesse war schon von Anfang an geweckt, aber ach, es gibt so viel Musik, und irgendwie fand ich den Namen „Boduf Songs“ auch nicht so attraktiv wie zum Beispiel die von Stars Of The Lid oder von Sunn O))), also verschwand der triste Brite wieder aus meinem Blickfeld. Bis letzte Woche.

Im schlichten, schmalen, schönen, tiefschwarzen Digipack wurde mir also „How Shadows Chase The Balance“ überreicht, an einem schönen, sonnigen, warmen Frühlingstag beim Mittagskaffee, und nachdem ich die CD abends zweimal am Stück durchgehört hatte, war ich unendlich traurig und ängstlich wie ein Kind, aber gleichzeitig ungemein bereichert, fasziniert, verzaubert. Denn was ich hier zu hören bekam, war nicht allein Musik. Vielmehr wurde mir ein Blick in den Kosmos, ins All gewährt, in dem der Mensch so verloren ist, wie er nur sein kann. Denn „How Shadows…“ evoziert wie keine andere Platte, die ich kenne, so intensiv das „Schweigen der unendlichen Räume“, das schon Pascal schaudern ließ.

Die Mittel, die Mat Sweet dafür anwendet, sind denkbar simpel: eine Akustikgitarre, hier und da verstörende Geräusche, an einigen seltenen Stellen ein viel zu lauter Drumcomputer und ein Baß, immer wieder ein düsteres Banjo, und dann seine – meist gedoppelte bzw. zweimal oder gar in Harmonien eingesungene – Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt. Die Lieder selbst sind auch recht einfach, Akkordfolgen, die schon oft da waren, Melodien, die zwar schön, aber nicht außergewöhnlich sind, und hätte zum Beispiel ich diese Lieder geschrieben und gespielt, wahrscheinlich klängen sie ziemlich fad. Aber es geht Mat Sweet nicht um das Songwriting im klassischen Sinne.

Seine Lieder sind nicht nur am Folk geschult (siehe sein schnelles, hektisches Gitarrenpicking, das den langsamen Liedern eine tiefe Beunruhigung verleiht), sondern auch und vor allem an den schleifenförmigen Texturen von Ambient und Drone, seine Intensität und durchaus auch Brutalität bezieht er, so wiederum das oben zitierte Internet, aus dem Metal („Acoustic Death Metal“ sei eine Bezeichnung für seinen Stil), und seine Absicht ist eine universale. Sweet will uns nicht seine Kompositionen vorspielen, sondern uns seinen Kosmos zeigen.

Und der ist schwarz und kalt, grausam und einsam. „We fell to earth from pitch black skies“, so beginnt mein Lieblingsstück „Things Not to be Done on the Sabbath“, und sogleich entsteht das Bild eines weiten, finsteren Raumes, auf dessen Boden sich zwei gefallene Engel aufrappeln, sich den Dreck aus den schäbigen Flügeln klopfen und sich umsehen. Ein trauriges Bild? Nicht ganz: „We feed upon the left behind“, so geht es weiter, und es wird klar: „Alle Engel sind grausam“, wie Rilke wußte. Die anderen Lieder tragen Titel wie „Mission Creep“, „I Can’t See A Thing in Here“, „Pitiful Shadow Engulfed in Darkness“ oder „Found on the Bodies of Fallen Whales“, und es wird schnell klar, daß das Bild gefallener Engel nicht zu weit hergeholt ist.

Boduf Songs klingt in der Tat irgendwie esoterisch, oder besser: okkult. Die Lieder erinnern oft an Beschwörungen oder gar Horrorgeschichten, scheinen sich im Fantasy-Bereich zu bewegen, es gruselt einen nicht nur einmal beim Hören. Das Schlimmste aber ist: Selbst diejenigen, die weder mit Stephen King noch mit Dead Can Dance etwas anfangen können, die sowohl „The Grudge“ als auch amulettetragende moderne „Hexen“ mit Verachtung ansehen, werden hier gepackt. Denn unterm Strich sind es nicht die bösen Engel, die hier das Grauen verbreiten, sondern diese existenzielle Einsamkeit und Verlorenheit, für die Mat Sweet ausgesprochen grausame, intensive und zutiefst poetische Bilder findet, und die perfiderweise durch das konsequent verwendete, auf der Kippe zwischen Mitgefühl und Hohn stehende „Wir“ eine noch größere Wirkung entfalten, eine melancholische Resignation. Denn selbst wenn Sweet versucht, ein bißchen Hoffnung zu verbreiten, wie im von einem Drumcomputer getriebenen „Quiet When Group“, bleibt am Ende nichts: „And even when we sleep, we sigh, we sigh / And even when we shine, we sigh, we sigh … And even when we fall, we sigh, we sigh“. Die Monotonie der Kompositionen (nicht allerdings der feinen, detaillierten Arrangements wohlgemerkt!) unterstützt diesen Charakter der Platte noch und ist nicht etwa fehlendes Talent, sondern ein weiteres präzise eingesetztes, quälendes Element.

„How Shadows Chase The Balance“ ist also ein Album, das einem wirklich den Tag verderben kann, das uralte Ängste weckt, wie die bösen Märchen aus Kindertagen, die vom Unaussprechlichen erzählen, „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ auf satanistisch sozusagen, das aber gleichzeitig auch an den aufgeklärten Verstand appelliert, der die Erkenntnis des existenziellen Verlorenseins bereits hinter sich hat und daran verzweifelt. Eine Platte, die so etwas mit dem Hörer macht, ist es unbedingt wert, gehört zu werden. Und außerdem ist sie auch noch einfach wunderschön. Meine Güte!

bodufsongs.com
www.kranky.net