CCS

Mute Records 2013

Ach Gott, wie ist das schön! Nach so vielen Jahren, in denen ich Crime & The City Solution teilweise schon fast vergessen hatte, plötzlich wieder Simon Bonneys Stimme zu hören, dieses warme, sympathische, ein bisserl kitschige Schwärmen eines echten Romantikers.

Crime & The City Solution waren bei mir eigentlich immer eher ein Sidekick der Bad Seeds, eine Band, die ich damals aus Vollständigkeitsgründen mitgenommen habe, als ich alles aus dem Dunstkreis von Nick Cave gekauft habe, was mir unter die Finger gekommen ist (auch so seltsame Bands wie Once Upon A Time oder Martin Dean). Freilich: Irgendwie waren Crime immer etwas Besonderes, und freilich sind sie nach einer Weile derart gewachsen, daß ich mir, sogar anders als bei den Bad Seeds, wirklich jede E.P. zugelegt habe (was sicher auch daran liegt, daß die Diskographie von Crime deutlich überschaubarer ist als die von Cave). Aber trotzdem. Hier waren sie mir zu sperrig, dort waren sie mir einen Hauch zu kitschig, und am Ende legte ich doch lieber Hugo Race & The True Spirit auf, die einfach cooler waren als die Schwärmereien von Simon Bonney.

Und dann, 23 Jahre nach dem letzten Studioalbum „Paradise Discotheque“ (1990; die erste Platte, die ich von Crime kannte), erscheint plötzlich „American Twilight“. Und nicht nur das: Schlagzeug spielt Dirty Threes Jim White, Bronwyn Adams und Alex Hacke sind noch dabei, und, fuck me, David Eugene Edwards, der alte Apokalyptiker von 16 Horsepower und Woven Hand, spielt neuerdings Gitarre. Na, wer könnte besser passen im „American Twilight“?

Aber gut, ich war skeptisch. Nick Cave hatte mich oft genug enttäuscht (auch wenn er mich mit „Push The Sky Away“ (2013) wieder entschädigt hat), Hugo Race auch, und wie gesagt, bei aller Liebe hatte ich auch meine Schwierigkeiten mit Crime & The City Solution. In einem Anfall von Verschwendungssucht habe ich mir dann aber doch das rote, transparente Vinyl mit beigelegtem (total kitschigem aber total tollem) Poster und dem Album auf Extra-CD gekauft, aus alter Verbundenheit, und von der CD gleich auf einer meiner längeren Autofahrten gebraucht gemacht. Gewarnt wurde ich von einem Bruder im Geiste, was die Australien/London/Berlin-Blase betrifft: Ihm gefiele das Album nicht so gut, und ich verstehe irgendwie, was er meint. Denn das Eröffnungsstück, „Goddess“, ist, nun ja, psychedelischer Hardrock, eine Kombination, die ich nicht so sehr mag. Aber irgendwie ist das Riff richtig geil, der mehrstimmige Gesang ist auch toll, und wie gesagt: Wie schön ist es, Simon Bonney mal wieder zu hören, und dann auch noch so vital und druckvoll. Und am Schluß erinnert mich das „rising, rising“ ein bißchen an The The’s „Dogs of Lust“, auch schön.

Voll erwischt hat mich dann aber der zweite Song, „My Love Takes Me There“, anders kann ich es nicht sagen. Was mit einem Klischee-Rockriff anfängt (ein schönes Detail: bei aller Verzerrung hört man, wie das Plektrum über die Saiten schrappt), wird plötzlich zu einem klassischen schwärmerischen Crime-Song, der in ein jubilierendes „You will see me fall“ im Refrain mündet, Trompeten erklingen, ganz großer Kitsch, eine Melodie, die Herzen bricht, die langsam und romantisch über dem hektischen Schlagzeug und dem treibenden Baß schwebt, und im Mittelteil singt dann noch ein Engelschor.

Genau das war es, was ich früher an Crime & The City Solution geliebt habe: dieser Herzschmerz, diese toughen Jungs, die sich nicht zu schade waren, über die ganz großen Gefühle zu singen und dabei Paisley-Hemden mit Rüschenkragen und Samthosen zu tragen, ganz im Geiste des großen, leider längst verstorbenen Nikki Sudden. Was konnte man sich damals mit dieser Musik in seinem Liebeskummer wälzen und sich trotzdem saucool vorkommen. Und irgendwie aufgehoben von der Nähe, die Simon Bonneys Gesang suggerierte. Alles wieder da, hurra!

Riven Man dreht sich dann um einige Grad, ist ein Bluesrocker mit Bläsern und Call-and-Response-Gesang, ein bisserl bräsig und zu lang vielleicht, aber mit Energie und Lust gespielt, und hey, das sind Crime & The City Solution! Die Kultband aus „Der Himmel über Berlin“! Die dürfen das.

Klassisch wird dann „Domina“, eine finstere Ballade über – klar – die Liebe, Bronwyn Adams‘ Geige schmachtet, der Refrain wird vom gemischten Chor gesungen und ist schlicht wunderschön. Draußen regnet es, die Pärchen verstecken sich unter ihren Schirmen, und der Poet sitzt hinter seiner dreckigen Scheibe und fühlt sich erhaben und leidend zugleich, bis zum orchestralen Gitarrensolo, bei dem auch Schlagzeuger Jim White zeigen darf, was er kann, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Das ist ohnehin einer der schönsten Aspekte der Platte: Wie diese Allstars-Band immer an ihrem Platz im Lied bleibt. Diese Musiker lieben ihre Musik.

„The Colonel (doesn’t call anymore)“ erinnert dann wieder an die alten, zerissenen, finsteren Zeiten von z.B. „Shine“ (1988), ein Lied, das nicht richtig anfängt, sich immer um dieselben Töne dreht und damit eine Spannung erzeugt, die fast (aber nicht ganz) an die großen Zeiten von Hugo Race heranreicht, ehe im Refrain doch ein schleppender Beat den Song kraftvoll nach vorne schiebt, bis er wieder im Dreck steckenbleibt. Und hier, finde ich, hört man David Eugene Edwards Südstaatengitarre am besten heraus, der finstere, verhallte Blues von 16 Horsepower, das „American Twilight“ eben.

Ein großes Liebeslied ist dann „Beyond Good And Evil“, ein tearjerker erster Klasse, den auch Cassiel oder Nick Cave zusammen mit Shane MacGowan damals in Berlin hätten singen können. Der Titeltrack des Albums ist dann ein schneller Bluesrock, hier lässt die Band ein wenig ihre Muskeln spielen, was, nun ja, nicht so ganz funktioniert, weil man halt doch eher Samt und Seide hört als Dreck und Leder. Sei’s drum. Im Kontext des Albums haut auch dieses Lied hin, den Klischees zum Trotz. Den schönen, versöhnlichen Abschluß macht dann „Streets Of West Memphis“, ein Lied voller Abendsonne, Melancholie und Wärme, voller schöner Zweitstimmen und einer tiefen Intimität.

Es liegt nahe, „American Twilight“ mit dem letzten Album der anderen großen überlebenden Kultfigur des Berlin der 80er zu vergleichen, mit Nick Caves „Push The Sky Away“. Und während Cave seine Bad Seeds erfolgreich modernisiert und ins neue Jahrtausend gebracht hat, ist „American Twilight“ eine durch und durch altmodische Platte. Oder eine zeitlose. Auf jeden Fall ist sie eine wichtige Platte, die daran erinnert, was damals alles möglich war: Kitsch und Coolness zu vereinen, große Melodien zu zerrissenen Arrangements zu schreiben, sein Herz auf der Zunge zu tragen, wie man sagt. „American Twilight“ ist eine Platte für die Schwärmer und Romantiker, die nicht dauernd predigen, daß früher alles besser war, weil sie noch daran glauben, daß auch heute noch einiges gut ist. Und Crime & The City Solution zeigen: Das, was damals tatsächlich besser war, kann man heute immer noch genauso gut machen. Das ist sehr tröstlich. Und die Platte ist schlicht toll.

www.crimeandthecitysolution.com
mute.com

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Bad Seed Ltd. 2013

In der Ferne spontan zum Ohrenarzt gemußt. Während der Untersuchung im Gespräch herausgefunden, daß er „Musik-Nerd“ und Bad-Seeds-Fan ist, früher für die Spex geschrieben und Nick Cave und Blixa Bargeld in den 80ern sogar interviewt hat („Blixa Bargeld hat dermaßen nach Urin gestunken während des Interviews, ein ganz intensiver, stechender Geruch nach Ammoniak“). Übereingestimmt darin, daß „Push The Sky Away“ eine der besten Platten von Nick Cave ist. Erheitert von diesem Arztbesuch zurück am Rechner beschlossen, endlich über „Push The Sky Away“ zu schreiben. Also.

Ich gebe gleich zu Anfang zu: Gefreut habe ich mich erstmal nicht auf diese Platte, und als ich sie dann doch beim heimischen Plattenhändler gekauft habe, geschah das nicht zuletzt aus Komplettierungszwang. Wenn ich schon die langweiligen Grinderman nach einem Album fallengelassen habe, wollte ich die Bad Seeds nicht ganz kampflos aufgeben. Es sprach allerdings einiges dagegen: erstmal eben Grinderman, die ich wirklich nicht besonders gut finde, dann das vorige Album der Bad Seeds, „Dig, Lazarus, Dig!!!“ (2008), das ich vielleicht einmal am Stück durchgehört und von dem ich außer dem Titelstück nichts behalten habe. Und dann, wahrscheinlich der gewichtigste Grund, der Weggang Mick Harveys, den ich trotz seines letzten, allzu glatten Soloalbums immer bewundert habe und der für mich das eigentliche Rückgrat der Bad Seeds war, Warren Ellis hin oder her.

Aber vor ein paar Monaten postete jemand in einem sozialen Netzwerk das erste Video, „We No Who U R“. Nachdem ich erstmal über die Schreibweise erschrocken war (Nick, dachte ich, hast Du diesen modernen Schmonz nötig, Ironie oder nicht?), hörte ich mir das Lied, das die Platte auch eröffnet, an, und war ganz angetan. Schläfrig klang es, langsam, irgendwie weit weg, aber sehr unprätentiös und eben nicht rockend. Ich mochte es, mochte die minimalistische Instrumentierung, mochte nach kurzem Zögern auch die offensichtlichen Samples, mochte, daß weder Klavier noch Gitarre gespielt wird, mochte die kleinen, schönen Gesangsharmonien und die Flöte von Warren Ellis. Später tauchte dann das zweite Video im Netz auf, „Jubilee Street“, das mich schlußendlich, gelinde gesagt, vom Hocker gerissen hat. Auch dieses Lied klingt sehr müde, in Caves Stimme liegt eine versteckte Traurigkeit, die ich schon lange nicht mehr bei ihm gehört habe. Der ganze Song basiert auf einem schönen, leicht angezerrten Gitarrenriff, verhaltenem Baß und Schlagzeug und einer tristen Geschichte über die Bordsteinschwalbe Bee, die mehr weiß, als sie zugibt. Und dann, mitten im Lied, das den Hörer bislang eher einlullt, plötzlich Rückkopplungen und Streicher, und kurz darauf kommt dieser große Moment, in dem das Schlagzeug das Tempo plötzlich leicht anzieht, Akustikgitarren und ein Rhodes Piano auftauchen, und die E-Gitarre immer ungeduldiger wird, bis sie endlich ausbrechen und Krach machen darf. Cave klingt dabei schläfrig und dringlich zugleich, und er singt die wundervolle Zeile „I got love in my tummy and a tiny little pain / And a ten ton catastrophe on a 60 pound chain“. Besser kann man das nicht in Worte fassen.

Ist „Jubilee Street“ mein Lieblingsstück der Platte und sowas wie ein kleiner Hit, stehen die restlichen Songs dem in kaum etwas nach. „Wide Lovely Eyes“ wäre eine ruhige, kleine, nur von Baß, Schüttelei und Rhodes getragene Ballade mit schwärmerischem Refrain und einer wunderschönen Zweitstimme von Conway Savage (der auf diesem Album sonst nichts zu tun hat), würde da nicht ein fast tonloses E-Gitarren-Loop rhythmisch dagegenhalten und dem Kitsch von „Uuuuh“-Chören eine gemeine, aber organische Nervosität unterlegen.

„Water’s Edge“ beginnt mit einem Baß direkt aus „She Fell Away“ von „Your Funeral, My Trial“ (1986; die Lieblings-Bad-Seeds-Platte des Ohrenarztes, übrigens), bleibt aber ganz verhalten, unruhig und drängend wie Jagdhunde, die nicht losgelassen werden, mit orientalisch anmutenden Geigen, einem ziellosen Piano und einem nervösen Schlagzeug, bis der Refrain dann resigniert und weltmüde innehält: „It’s the will of love, it’s the thrill of love, but the chill of love is coming down.“ Und dann, ganz am Ende, knurrt Cave noch ein wirklich lustiges „people“. Ja, Leute, so ist’s mit der Liebe.

„Mermaids“ ist dann einfach schön, aus flirrenden Gitarren und dem Rhodes-Piano, Baß und Schlagzeug werden dem Song zurückhaltend gerecht, und der Refrain ist einfach eine Rock-Ballade im allerbesten Sinn. „We Real Cool“ ist der Bruder von „Water’s Edge“, der Baß bleibt stoisch bei seinem Rhythmus, während der Song selbst seinen eigenen Weg zu gehen scheint, mit einem traurigen Refrain, schönen Streichern und verstreuten Klaviertönen. „Finishing Jubilee Street“ ist dann die Metaerzählng zum Hit der Platte, auch hier verschieben sich die Rhythmen, formieren sich in einer schwülen Sexualität, die klatschenden Hände eine Travestie des Mitmach-Rocksongs, und dann plötzlich der Refrain: klein, fast niedlich, fast jubilierend, eine Perle von klarer Schönheit vor der verhaltenen, morbiden, schmutzigen Düsternis des restlichen Liedes.

An vorletzter Stelle steht der „Higgs Boson Blues“, das in der Presse mittlerweile notorisch zitierte und notorisch gelobte Lied, in dem Cave den Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf mit Hannah Montana respektive Miley Cyrus, Robert Johnson und dem Teufel persönlich in einen Topf wirft und zu einem schwülen Blues zerkocht. Und obwohl das Lied in der Presse als das beste des Albums gelobt wird (nicht zuletzt wegen seines herrlichen lyrischen Unsinns), ist es für mich die Schwachstelle, das Lied, das am konventionellsten, dafür aber als Song an sich nicht gut genug ist, das weder mit den Melodien noch mit den Arrangements der restlichen Songs mithalten kann. In seiner lebensmüden Zurückhaltung hat es aber durchaus seinen Platz auf „Push The Sky Away“.

Den Abschluß bildet schließlich das Titelstück, das wiederum eine tiefe Müdigkeit ausstrahlt, weitgehend nur aus verschwimmender Orgel, minimal von Baß und Trommeln unterstützt, und der ebenso minimalistische Refrain ein weiterer echter Ohrwurm ist. Ein schöner, ruhiger Abschluß eines hervorragenden Albums. Zum Hören der Bonus-7″, die der Erstauflage des Albums beiliegt, bin ich leider noch nicht gekommen, freue mich aber darauf.

Es fällt auf, wie minimalistisch die Bad Seeds hier instrumental zu Werke gehen. Die Kerngruppe besteht insgesamt aus nur fünf Leuten (Cave, Warren Ellis, Thomas Wydler, Martin P. Casey und James Sclavunos; Conway Savage singt wie gesagt nur ab und an mit, und zweimal darf Barry Adamson zum Baß greifen), und selbst diese kleine Besetzung musiziert äußerst zurückhaltend, spielt nur das Nötigste, weiß um ihren Platz in diesen müden, fernen Liedern. Die Gastsänger und -sängerinnen wiederum sind insgesamt mehr als die Band selbst, was immer wieder für schöne Texturen sorgt, die den eigentlichen Gesang stützen.

Eigentlich hatte ich nach „Dig, Lazarus, Dig!!!“ und vor allem nach Grinderman ein unerfreulich rockistisches, prätentiöses Dicke-Hose-Album erwartet. Und mal ehrlich, schwitzigen Rock, das können andere besser, als es Cave mittlerweile beherrscht. Was er und Warren Ellis hier mit den reduzierten Bad Seeds aber produziert haben, ist eine wundervolle, verhaltene, müde, immer wieder hell leuchtende Platte mit großen kleinen Melodien, mit gerade genug Experimentierfreude, um den Kitsch abzuschießen, mit tollen Songs und einem Nick Cave, der stimmlich einfach nur bei sich selbst ist. Das beste Album seit vielen Jahren!

www.nickcave.com

Canongate Books, 2009

Nun will endlich auch ich hier die vielzitierte Ausnahme von der Regel tun und eine Veröffentlichung besprechen, deren hörbare Frequenzen sich im Rascheln von Papier erschöpfen: ein Buch nämlich, namentlich „The Death of Bunny Munro“ von Nick Cave. Und spätestens hier wird dem geneigten Leser klar, daß der Schritt von meinen sonstigen kleinen Plaudereien hierher zu dieser speziellen nicht wirklich ein großer ist, steht Nick Cave doch nun schon seit geraumer Zeit einigermaßen komplett bei mir im Platten- beziehungsweise CD-Regal (auch, wenn mir seine neuen Platten nicht mehr so gut gefallen wie die mittleren Bad-Seeds-Scheiben, aber dazu ein andermal), und eben auch im Bücherregal, mit „And the Ass Saw the Angel“ und „King Ink“, und seit kurzem auch mit „The Death of Bunny Munro“.

Letzteres ist Caves zweiter Roman nach „And the Ass…“ (1989), über den Australier Cave selbst muss man wahrscheinlich nicht mehr viel Worte verlieren: Boys Next Door, Birthday Party, vor allem die Bad Seeds und jüngst Grinderman seien als Stichworte genannt, ebenso Blixa Bargeld, Mick Harvey, Kylie Minogue, und vielleicht sei noch seine Arbeit im filmischen Sektor erwähnt, John Hillcoats „Ghosts … of the Civil Dead“ (1988) z.B. oder das Drehbuch von „The Proposition“, 2005 ebenfalls von Hillcoat verfilmt, Auftritte und die Soundtrackbeiträge zu Wenders-Filmen etc. Dann könnte man noch, um ein paar inhaltliche Eckpfeiler zu etablieren, Begriffe wie „Heroin“, „Rabenhaar“, „Prediger“, „alttestamentarischer Zorn“, „Blues“, „Punk“, „Klavier“, „Wilde Rosen“, „schöne Melodien“ und „Lärm“ ins Feld führen, den ganzen Rest dem schlauen Internet überlassen und sich um „The Death of Bunny Munro“ kümmern.

Wie gesagt, seit einiger Zeit stehe ich den Platten Caves etwas verhaltener gegenüber, als es schonmal der Fall war, und auch, wenn das Doppel- beziehungsweise Zweifachalbum „Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus“ (2004) nochmal ziemlich gut und vor allem abwechslungsreich und überraschend ist, meine liebsten Nick-Cave-Platten sind die Bad-Seeds-Alben zwischen „Kicking against the pricks“ (1986) und „Henry’s Dream“ (1992). Sein erster Roman, den ich damals anfang der 90er verschlungen habe wie nichts Gutes (in der deutschen Übersetzung allerdings), schien mir beim Versuch, ihn vor ein, zwei Jahren wiederzulesen, arg aufgesetzt, zu pathosbeladen, zu alttestamentarisch, zu vollgestopft (in der deutschen Übersetzung allerdings), und ich mußte es nach ein paar Seiten einfach genervt aufgeben. Und nun „The Death of Bunny Munro“.

Die Kritiken haben sich vor Lob beinahe überschlagen in ihren Rezensionen, wie man auf der Homepage von Kiepenheuer & Witsch nachlesen kann, bei denen das Buch auf deutsch erscheint. Doch hier und da wurde auch Kritik z.B. am Finale des Romans laut (die, dazu später, durchaus berechtigt ist), und so zögerte ich doch einige Zeit, bis ich mir das Buch in der englischen Paperbackausgabe in einem Anfall samstäglicher Shoppingsucht doch kaufte. Kaufte, aufschlug, zu lesen begann und es in einem Rutsch durchlas, amüsiert, zeitweise begeistert, zeitweise richtig traurig, nur am Ende kurz leicht genervt, aber im Großen und Ganzen sehr positiv überrascht.

Vielleicht dies jetzt gleich: Nick Cave ist ein großer Liedermacher, ein großer Liedtexter, eine insgesamt beeindruckende Gestalt, aber er ist freilich kein Autor von Weltliteratur. Behält man diese Einschränkung im Hinterkopf, dann ist „Bunny Munro“ ein richtig gutes Buch. Im Gegensatz zu seinem Debutroman hat Cave sein alttestamentarisches Donnern und Zürnen ab- und sich stattdessen einen fast schon leichtfüßigen Erzählstil zugelegt. Sein Zweitling erzählt die Geschichte des Kosmetikvertreters Bunny Munro, ein notorischer Schwerenöter und Weiberheld, völlig vaginafixiert, über seine besten Jahre hinaus, aber noch immer mit dem gewissen Etwas (seiner Meinung nach), das ihm die Weiber reihenweise ins Bett treibt, auch wenn das meistens unfreiwillig geschieht und sie es hinterher bereuen. Mit Schmalzlocke und jovialer Borniertheit stolziert Bunny also vom Verkaufsgespräch zum nächsten Fick und zurück, bis seine Frau Libby sich erhängt – ein Akt der Verzweiflung, der Abscheu vor und der Rache an Bunny, mit einer gewissen Perfidität, die Bunny den Rest des Romans – und seines Lebens – verfolgen wird. Bunny bleibt zurück, und mit ihm sein Sohn Bunny Jr., den er bis dato kaum beachtet hat und mit dem er auch weiterhin nicht viel anzufangen weiß. Nach einer Trauerphase, die bei Bunny eher ein Besäufnis mit seinen Kumpels ist, unterbrochen nur von kurzen Momenten ungenützter Erkenntnis über seinen Verlust und seinen Sohn, schleichen sich plötzlich surreale Momente ein, stimmt plötzlich etwas nicht mehr, überfallen Bunny plötzlich abstrakte Vorahnungen. Bunnys schnurgerades, borniertes Macholeben bekommt plötzlich Risse. Bunny packt seinen Sohn ein und steigt in sein Auto, on the road again, und macht sich entlang der englischen Südküste auf eine letzte Verkaufs- und Ficktour, sein Sohn auf dem Beifahrer- und eine immer größer werdende Finsternis auf dem Rücksitz, seinem schon im Titel angekündigten Tod entgegen.

Caves Version des „Death of a Salesman“ ist auf den ersten Blick die recht lineare Geschichte vom Niedergang eines ziemlichen Unsympaths, der seine Illusion ewiger Geilheit nach dem Tod seiner Frau, mit dem auch ihm selbst klar werden muß, daß er längst aufgeflogen ist, nicht mehr aufrecht erhalten kann, und der an seiner eigenen Erbärmlichkeit zugrunde geht. Erzählt ist das Ganze mit einem gewissen Furor, mit viel Humor, Caves – hier erfolgreich kanalisierter – Sprachgewalt, einer zunehmenden, surrealen Metaphysik (die sich, gepaart mit einer Prise Medien- und Gesellschaftskritik, in der Furche manifestiert, die ein mit Plastikhörnern und Teufelsgabel bewehrter, Überwachungskameras geradezu suchender Serienmörder durch England schlägt – eine von Cave mit voller Absicht inszenierte, derart plumpe Metapher, daß es nur so eine Freude ist) und einer unglaublichen, an allen Ecken und Enden unpassenden Sex- und vor allem Vaginafixierung, die sich wiederum – neben absolut und ausnahmslos allen Frauen – auf Avril Lavigne, Kylie Minogue und nochmal Avril Lavigne konzentriert (und oft in ziemlich komischen, grotesken Sätzen wie z.B. „Easy, no problem, vagina, vagina“ gipfelt).

Es ist sicher nicht die Story selbst, die den Roman zu einem guten Roman macht und die, wie auch die Songtexte Caves, vor allem von den letzten Dingen handelt. Vielmehr beweist Cave eher in Kleinigkeiten und Details ein großes Gespür für emotionale Zwischentöne, für die Tragik der ins Leere laufende Kommunikationen zwischen Vater und Sohn und für die ganzen vergeudeten Chancen zur Erkenntnis, die Bunny Munro zwar ahnt, aber bis zuletzt nicht ergreifen kann. Zwischen all der groben, hysterischen Sexualität, den Zoten und der Männlichkeit von Bunny Sr. gibt es immer wieder ergreifend einfache, stille, tieftraurige Momente, in denen Bunny Jr. im Mittelpunkt steht, in denen Cave hellsichtig die Perspektive des neunjährigen Jungen einnimmt, dessen ewig entzündete Augen dem Vater ebenso entgehen wie alles andere, der mit einer Schicksalsergebenheit seine Trauer, Verzweiflung und Einsamkeit im Zaum zu halten versucht und der seinen Vater trotz allem bewundert und liebt. Es zerreißt einem schier das Herz, wenn Bunny Jr. allein auf dem Beifahrersitz wartet und sich von vorne nach hinten durch seine Enzyklopädie arbeitet, ein Geschenk seiner Mutter, während sein Vater Kosmetika und seinen Pimmel an die Hausfrau zu bringen versucht, und ihn seine Einsamkeit überwältig und er sich so sehr nach seiner Mutter sehnt, daß diese ihm als Geist erscheint, ein schwacher Trost, denn der Geist verschwindet freilich wieder und läßt den kleinen Bunny allein in dieser fürchterlichen Welt zurück. Und selbst, als Bunny Munros Beunruhigung immer größer wird, bleibt sein Blick auf sich selbst gerichtet, entgeht ihm sein Sohn und dessen kranke, eitrige Augen und dessen wundes, kleines Herz.

„The Death of Bunny Munro“ ist tatsächlich ein schönes Buch, voller Witz und Trauer, voller Geilheit und Einfühlsamkeit, und nur ganz am Ende gerät Cave wieder sein biblischer stream of consciousness außer Kontrolle, und er gleitet ab in einen Pathos, der dem wohltemperierten und dennoch furiosen Restbuch ein allzu plump moralisches Bein stellt. Das sei Cave aber verziehen, denn die ersten neun Zehntel lohnen sich auf jeder Seite, seine Charakterisierung von Vater und Sohn und vor allem der Unmöglichkeit zur Verständigung zwischen den beiden ist mit dem gebotenen Respekt und dem größtmöglichen Humor beschrieben, und gerade der fließende Wechsel zwischen den grobschlächtigen Zoten des Vaters und den poetischen Momenten des Sohnes zeugt vom Können Caves, von seiner literarischen Leichthändigkeit.

Wie gesagt, „The Death of Bunny Munro“ ist keine Weltliteratur, es ist vielleicht auch nicht das literarische Meisterwerk, das die Presse ab und an sehen will, aber es ist ein schönes, lesenswertes Buch und vielleicht doch ein Meisterwerk für einen Autor, der hauptberuflich Musiker ist.

www.thedeathofbunnymunro.com
www.canongate.net