Fischer-Z - Destination Paradise - Front

Harvest, 1992

Jetzt, wo es wieder Frühling wird, krame ich gern wieder die ganz alten Platten raus, die, die ich damals gehört habe, zur Zeit meiner, hm, Selbstbewußtwerdung, wenn man es so nennen will. Die Zeit, in der das Leben noch dieses süße Versprechen auf Größeres, Wilderes, Tolleres war, in der man aber schon ein klein wenig über den Tellerrand hinausgeguckt hatte und leise ahnte, daß das Leben diese Versprechen wahrscheinlich nicht halten würde, weswegen man mit umso größerer Inbrunst und einer kleinen Melancholie an diesen Sommernächten festhielt, die noch magisch waren, aber nicht mehr ganz naiv. Ich war, Sie erraten es, einfach ein Teenager.

Allerdings einer, dem schon eine größere Melancholie auf dem Buckel saß, weswegen mir ein lieber Freund damals im Spätherbst 1992 zwei CDs in die Hand drückte: „Wish“ von The Cure („Da, das gefällt dir vielleicht bei deiner Laune gerade!“) und eben „Destination Paradise“ von Fischer-Z („Wenn Du mal gute Laune haben willst, hör dir die hier an!“) – dieser Freund brachte mich auch z.B. auf die Screaming Trees und, ich bin ihm ewig dankbar, auf die großartigen Sink. Ich kam zu der damaligen Zeit gerade aus dem Metal, der mir nichts mehr gab, Grunge und Indie waren noch nicht bei mir angekommen, also behalf ich mir mit New Model Army (die ich auch heute noch liebe) und einem kleinen bißchen Hardcore und schwelgte in Melancholie und wütender Verzweiflung. Und plötzlich waren da Fischer-Z mit „Destination Paradise“.

Das war auf einmal etwas völlig anderes. Das war Gute-Laune-Musik, die ganz ohne Krach oder Dämlichkeit auskam. Die naive Melodien hatte, die mit naiver Inbrunst gesungen wurden. Die lebensfroh und trotzdem gesellschaftskritisch war. Die das Scheißleben mit einem Lachen anging. Die mich durch einen Winter begleitete und plötzlich den Frühling einleitete. Die, ich habe mir später noch weitere Alben von Fischer-Z gekauft, die beste Platte diese Band ist, vielleicht die einzige durch und durch gute.

Was ich damals also zu Hören bekam war – Folkrock? Folkpop? Einfach Pop wahrscheinlich, mit sehr viel Akustikgitarre (was mir entgegenkam, hatte ich mir doch eben erst eine Akustikgitarre zugelegt), ansonsten in der klassischen Rockbesetzung, und mit John Watts einzigartiger, irgendwie nerviger, unglaublich sympathischer und heiterer Stimme. Und mit Songs, die mich heute noch begleiten, die ich gern immer noch auf der Akustikgitarre von damals spiele, die einfach ganz, ganz groß sind.

Das fängt schon an mit dem simplen aber tollen Akustikgitarrenriff des Titelstücks am Anfang der Platte mit seinem Mutmachtext, das geht weiter mit der großen Geste von „Will You Be There?“, mit dem leicht bitteren „Tightrope“, dem aggressiven „Say When“, dem witzigen „Caruso“, mit dem schönen Folk von „Marguerite Yourçenar“, dem Wiederaufrappeln von „Mockingbird Again“, dem Herzschmerz von „Still In Flames“ und dem kitschigen aber ergreifenden Schluß „Further From Love“. Und die Lieder, die ich nicht aufgezählt habe, sind auch wunderschön. Es war das erste Mal, daß ich Musik gehört habe, die nach dem Indiekniegehen das Wiederaufstehen besang („Don’t treat me gently, I’m still alive!“), und es half irgendwie. Und Fischer-Z hatten mit „Marliese“ und „Berlin“ vielleicht größere Hits, aber keine besseren Songs.

Jetzt sind 22 Jahre vergangen seit diesem Herbst, 21 seit diesem Frühling/Sommer, Fischer-Z sind schon längst im Orkus der Musikgeschichte verschwunden, und das Leben heute ist gut und braucht diese ermutigende Musik eigentlich nicht mehr. Aber manchmal, wenn es draußen wieder wärmer wird und die Sehnsucht nach irgendetwas Unbestimmtem sich nochmal leise regt, hole ich die CD mit dem schon total ramponierten Booklet voller niedlicher Bildchen und alberener WItze aus dem Regal und träume vom Frühling damals, als das Leben noch ein Versprechen war und als man mit drei Akkorden auf der Akustikgitarre den schwelgerischsten naiven Pop überhaupt machen konnte.

fischer-z.com
www.harvestrecords.com

Damaged Goods Records, 1999/2008

„Three chords are a problem;“ explains Billy Childish, „there’s just too much diversity and choice. People have allowed themselves to be hood-winked into believing that they need 50 T.V. channels and a McDonalds on every corner. No – the professionals are selling us rubbish, they’re hiding behind their badge of office and they’re bankrupt; they’ve just got no bravery or courage. Sopistication doesn’t equal power. […] This album uses one chord and it’s simple and dumb, but really it’s sophisticated beyond the wildest dreams of the poor professional. […]“

Dieser Text von Billy Childish findet sich auf dem Backcover des Albums von 1999, das nun dankenswerterweise von Damaged Goods wiederveröffentlicht worden ist, und damit ist eigentlich schon alles gesagt. „In Blood“ trägt den Untertitel „One chord! One song! One sound!“, und genau darum handelt es sich eigentlich auch. Wobei das natürlich gelogen ist, genau wie der Eindruck, den dieses Schlagwort vom radikalen Simplizismus einen Glauben machen will, und Childish nimmt die sophistication des Albums ja eh schon vorweg.

Bei „In Blood“ handelt es sich um das Duett-Album der wunderbaren Holly Golightly und ihrem Entdecker und einstigem Förderer Billy Childish, ehedem „Wild Billy Childish“, u.a. bekannt von den Headcoats, den Musicians of the British Empire und so weiter, bekannt als primitiver Garagenpunkrocker, als Autor und als ziemlich guter Maler. Über Holly Golightly sollte man eigentlich keine Worte mehr verlieren müssen. Childishs Output seit seinem Anfang in den 70ern ist komplett unübersichtlich, immer Lo-Fi, immer Punkrock und ziemlich tanzbar, und Golightly bewegt sich mittlerweile in düsteren, feinen Country- und Bluesgefilden. Während Golightly in ihrer Existenzs jenseits der Musik offenbar ein wenig aufregendes Leben als Mutter und Hausfrau führt, ist Childish ein enfant terrible der britischen Kunstszene, ein Kunst- und Poptheoretiker und ein ausgesprochen umtriebiger Musiker. Das als kleine theoretische Prämisse.

„In Blood“ ist nun offenbar eine Childish-Platte: besagter hochprimitiver, bluesbeleckter Garagenpunkrock, verzerrter Gesang, meist eine von beiden gesungene Melodie, die klassischen Blues-Scales, simple 4/4-Beats, und ab und an eine übersteuerte Bluesharp. Und Childishs Versprechen wird eingehalten (ich war tatsächlich erst überrascht und dann ziemlich amüsiert, daß Childish sich das wirklich traut): Jedes Lied basiert auf ein und demselben Akkord, wechselt diesen nur innert der üblichen Bluesvariationen und kommt meistens mit einem einzigen Riff aus. Das ist nun wirklich primitiv, simpel und saucool. Denn obwohl sich eigentlich nicht viel tut, tut sich doch verdammt viel: Diese Platte kickt Hintern, ist durch und durch tanzbar, ist in ihrer Primitivität ganz schön unverschämt und trotz des Rückgriffs auf alte Blues- und Punktraditionen und trotz ihres Alters von nunmehr neun Jahren durch ihre Reduktion, durch den alten und dadurch zeitlosen Sound und vor allem durch die lässige, beiläufige Spielfreude der Musiker frisch und lebendig. Sie geht in der Tat ins Blut, wie ihr Titel verspricht, sie umschifft mögliche Reflexionen und – und vielleicht liegt hier ihr politisches Potential – jeden Diskurs über sie, der sie möglicherweise kontrollieren könnte, durch ihren einfachen Imperativ: „Mach einfach!“

Ich gebe zu: Ich höre diese Platte ohne den theoretischen Hintergrund, den Childish bietet, den man in seinem Text nachlesen kann und auf seiner Homepage bzw. der des Hangman Buerau of Enquiry, der Künstlervereinigung, der Childish angehört. Zwar interessiert mich die politische Haltung dahinter sehr, aber „In Blood“ ist, man verzeihe mir die Jugendsprache, einfach geil. Scheiß auf Theorien oder was auch immer, ein Akkord ist genug, um mir den Spaß an der Gitarrenmusik, der mir in letzter Zeit etwas abhanden gekommen war, wieder zu geben. Das ist der Befreiungsschlag, den diese Platte leistet, das ist ihr politischer Sprengstoff, und das ist einfach und gut.

www.billychildish.com
www.hollygolightly.com
www.damagedgoods.co.uk