GF039 Landlergschwister - Honky Tonkin'

Gutfeeling Records 2013

Na toll. Da richte ich es mir angesichts des kommenden Winters gerade schön gemütlich ein mit menschenfeindlicher, solipsistischer, gefühlskalter Musik zwischen Grindcore, Drone, Dark Ambient, Klassik und tristen anglo-amerikanischen Liedermachern, und plötzlich kommt die neue Platte von G.Rag & den Landlergschwistern ums Eck, und vorbei ist es mit der Trübnis, vorbei mit dem grimmigen Nach-draußen-in-den-Regen-Starren, vorbei mit der schlechten Laune und dem Menschenhass. Mist auch.

Und nein, ich versuche erst gar nicht, mich gegen diese Platte zu wehren, so gern ich es aus Gründen misanthropischer Klischees auch täte, denn es braucht echt nur ein paar Sekunden, und schon packt einen dieses wunderliche Münchner Blasorchester mit Extras am Schopf. Nur diese solitäre Trompete braucht es zu Beginn von „Honky Tonkin'“, und ich bin verloren. Und nanu, denke ich, während eine zweite Trompete dazukommt, habe ich hier versehentlich eine Platte der Hermanos Patchekos aufliegen? Nein, spätestens Tuba und Klarinetten machen klar, das hier sind die Landlergschwister, und irgendwo liegt es ja auch nahe: Das volksmusikalische Derivat des Münchner Carribean Trash Orchestras verneigt sich vor seiner ursprünglichen Band, aus der es schließlich auch weitgehend sein Personal rekrutiert.

Ganz tief in die Schwüle Mexikos und auf die falsche Fährte führt einen das Eröffnungsstück „Niente Hoss“, denn schon der „Fischer-2-Facha“ ist ein Zwiefacher, wie er im Buche steht. Sind wir damit also doch bei der volkstümlichen Musik angelangt, die ja grad mit allerlei anderer Volkstümelei, dem Oktoberfest und dem Fußball-Schland wieder total en vogue ist? Gottseidank nicht, wie uns das Presseinfo zur Platte versichert: „Die Volksmusik wird wie eh und je instrumentalisiert, nur unter neuen Vorzeichen. Heimatwahnsinn und -tümelei werden weiter zelebriert. Raus aus dem Stadl, rein in den Stadl. Liebesgrüße aus der Laptop-Lederhose,  ist schon klar …“ Dagegen wehren sich die Landlergschwister, die aus dem Geiste des Hardcore kommen und die unter Volksmusik das verstehen, was man weltweit eben noch versteht, wenn man bereits glücklich unterm Tisch liegt: keine Volks- und Nationaltümelei nämlich, sondern „ehrliche“ und „authentische“ Musik, auch wenn man freilich diese Begriffe nicht mehr ohne Anführungszeichen und dafür nur noch mit allergrößter Vorsicht verwenden kann. „Volk“ nicht im Sinne von Nation, sondern von grenzüberschreitender Verbundenheit der Menschen. Am ehesten also Musik für den lustigen Klassenkampf gegen das Establishment.

Drum ist auch der titelgebende und obligatorische Hank Williams mit „Honky Tonkin'“ nicht nur vertreten, sondern auch völlig richtig am Platz, der mit dem G.Rag-typischen Megaphongesang aufwartet und sowohl den Blasmusik- wie auch den Western- und Rockabilly-Freund zum mitswingen verführt. Und gleich drauf gibt’s den Dämpfer, „Bartholomew“ ist ein New-Orelans-hafter Trauermarsch (bei dem Notwists Micha Acher seine Finger im Spiel hatte), der einen doch richtig tief in die Herbstdepression treten könnte, wäre er nicht so wundervoll schwärmerisch, warmherzig, menschlich. Und dann kommt auch schon die nächste Überraschung: Relle Büst aka Parasyte Woman darf vom Föhnwind singen und jodeln, und was eigentlich auch wieder Volksmusik wäre, klingt nebenbei durch den Megaphongesang und die schöne Slidegitarre wie aus einem Transistorradio im fernen Westen am frühen Morgen bei der ersten Tasse Kaffee. Wie schön!

Immer wieder werden die klassischen Elemente der bayrischen Blasmusik unterlaufen durch Genrefremdes, aber eben durch im Geiste Verwandtes, sei es die verzerrte Gitarre in „Boogie Krainer“, sei es das Banjo in „Valentin 30/31“, oder aber umgekehrt: Genrefremdes wird „landlerfiziert“, wie das wunderbare „Odessa“ von Caribou, mit dem sich G.Rag und seine Musikantinnen und Musikanten nach Punk, Hardcore und Country am Indiepop versuchen, und wenn die Indiediskos dieser Welt nur ein bisserl cool sind, wird dieser Song künftig samstags auf Studentenparties gespielt.

„Johanna“ dann klingt wie eine Filmmusik von Tom Waits, und „Kaw Liga“ von Hank Williams ist ein wirklich perfekter Crossover: Was als trister Country Waltz anfängt, wird im Refrain zu einem fröhlichen bajuwarischen Tänzchen, und wieder zurück, und wieder hin und her. Und abschließen darf das Album dann eine Hommage an den großen Stenz Münchens: „Monaco Franze“ ist die Titelmusik aus der gleichnamigen Serie mit dem großen, verstorbenen Helmut Fischer und ein feiner, angemessener Schlußpunkt.

Ja mei, was soll ich sagen? Meiner bescheidenen Meinung nach ist den Landlergschwistern mit ihren vielen Gästen vom Niederbayrischen Musikantenstammtisch bis hin zu The Notwist ihr bestes Album gelungen. Nicht, weil die anderen beiden Platten schlechter wären – auf „Honky Tonkin'“ funktioniert aber der Crossover der Volksmusiken am besten. Das Album mäandert bruchlos zwischen Blasmusik, Country, Pop, Mariachi und vielem mehr, ist die praktische und leichthändige Umsetzung der in der Theorie oft so schwierigen Völkerverständigung. Aber zu dieser braucht es halt nicht unbedingt Politik und Theorie und all das, sondern manchmal einfach nur gute Lieder, einen verwegenen Haufen von Musikern und ein Glaserl Bier oder zwei.

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Gutfeeling, 2012

Wiedereinmal erwischen mich G.Rag und seine Hermanos Patchekos in der Fremde, fern der Heimat, auf einem Bett, das nicht meines ist, in einer Stadt, die nicht meine ist, bei einem Wetter, das nicht meines ist, mit nichts zu tun als zu warten oder einen fremden Boden zu wischen. Na, diese Entscheidung fällt leicht, und wiedereinmal ist es der Segen der modernen Technik, sprich: der Segen völlig legaler digitaler Downloads, weswegen ich an diesem etwas verunglückten Sommertag („Sommer“ bitte in Anführungszeichen denken) in den Genuß von Pain Perdu komme, dem mittlerweile sechsten Studioalbum des elfköpfigen Münchner „Caribbean Trash Orchestras“, wie sie sich selbst bezeichnen. Über die Hermanos Patchekos habe ich bereits hier genug gesagt, ebenso über ihr wundervolles Label Gutfeeling und ihre Kunst, Schallplatten so zu verpacken, daß die CD vor Neid kotzen will. Es sei nun also nur noch vermerkt, daß ich, erster Eindruck, trotz der wirklich miesen Laptop-Lautsprecher, die mir hier als Wiedergabemedium zur Verfügung stehen, schon bei den ersten Klängen ein bisserl bessere Laune habe.

Die Fremde ist ja ein gern verwendeter Topos der Hermanos Patchekos, drum passen diese Platte und ich heute auch auf Anhieb gut zueinander, habe ich den Eindruck, und schon mit dem ersten Lied, „Cumbia Oriental“, finde ich mich tief in Kolumbien wieder (erzählt mir das Internet), und wie schon der Opener ihres letzten Albums Hold Fast entführten mich die Münchner mitten in eine heiße Nacht voll von Schweiß, Leidenschaft und auch einem bißchen Melancholie. Die Trademark-Gitarre G.Rags gibt die Melodie vor, die klappernde Schlagwerk-Sektion macht mit, und dann kommen diese unglaublichen Bläser und spielen auf zum Tanz, vielstimmig, harmonisch, toll, und ein bisserl scheinen sich mir hier auch die Landlergschwister in die tropische Nacht eingeschlichen zu haben (und ohne hier theoretisch werden zu wollen muß ich doch wieder darüber staunen, wie nahe sich die geographisch fremdesten Volksmusiken doch manchmal sind).

Der „Train Song“ bleibt dann auch in der Fremde, zieht aus Südamerika nur weiter nach Norden, ein von einer ruhigen Boom-Chicka-Boom-Gitarre angetriebenes Country-Stück, von Akkordeon und Slide-Gitarre getragen, bis wieder die Bläser jubilieren und die müde Melancholie von G.Rags Stimme zum Funkeln bringen, bevor im wunderlichen Jahrmarkt-Stück „Swing Geneve“ die Steeldrums ausgepackt werden und ich mittanzen möchte.

Richtig hymnisch wird es, wenn „Uncle Mike“ angeritten kommt, der König des Saloons, möchte ich fabulieren, der aus den Sümpfen in die Stadt stolziert, hoch erhobenen Hauptes, mit breitem Grinsen, während die Cajun-Bläser und die Swamp-Bluesharp anheben, um ihm betrunken zu salutieren. Was für ein schönes Lied!

Nach dem Trunkenbold Onkel Mike wird es dann fast besinnlich, das Akkordeon erzählt im Dreivierteltakt ein bißchen von Paris, aber auch hier weht ein wenig Exotik mit, wenn die Steeldrums im Hintergrund ganz leicht schräg mitklingen. Ein Lied wie die Amélie der Betrunkenen, der Schausteller und Seeleute.

Nach so viel Harmonie, scheint es, müssen sich die Hermanos Patchekos wieder ihrer Hardcore- und Punkwurzeln besinnen und ziemlich gut „King of the Hill“ von den Minutemen covern. Und hier, im bläsergetränkten, hymnischen Refrain, wird mir nun klar, was anders ist an Pain Perdu im Vergleich zu seinen Vorgängern: G.Rag y Los Hermanos Patchekos sind noch harmonischer geworden, klingen noch wärmer, melodieseliger als eh schon, ein bisserl weniger traurig, melancholisch, ein bisserl weniger „Down By Law“ und mehr „Broken Flowers“. Den Bläsern und ihren harmonischen Möglichkeiten wird, so scheint es mir, mehr Platz eingeräumt, so auch bei „Phoenix“, einer Country-Ballade, die gemächlich den Mississippi hinuntertreibt und den Hörer sanft mit aufs gemütliche Floß nimmt, so wie die ganze Platte einen immer wieder mal einfach umarmt.

Im „Swing Monaco“ werden aber doch wieder die Melodika und die alte Hektik ausgepackt, sofort wippt der Fuß, schnippt die Hand mit, während sich Akkordeon und Melodika nicht mehr duellieren wie noch auf “Le Massacre du Melodica” vom Vorgängeralbum, sondern sich vielmehr umspielen und sich gegenseitig in Moll wiegen, bevor „Gaita“ wieder wundervoll sonnig wird, mit seinen Mariachi-Bläsern und der Gitarre, die wie zu Beginn der Platte die Melodie vorgibt.

Zum Schluß nehmen uns die Hermanos nach Idaho mit, an den „Edna Lake“, an dessen Ufer sie uns einen traurigen Waltzer vorspielen und eine traurige Geschichte erzählen (wenn ich den Text hier auf diesen Lautsprechern richtig verstehe) und uns dann, am Ende doch noch in Dur umkippend, mit einem schönen, angenehm angezerrten Gitarrensolo, diesen herrlichen Bläsern und dem feinen Akkordeon in den Sonnenuntergang reiten lassen.

Ein schönes Album haben die Münchner wieder gemacht, eine kleine Weltreise überall dorthin, wo es tagsüber sonnig und nachts warm ist, ohne dabei zu vergessen, daß zu einer Weltreise halt auch die Abschiede gehören. Jetzt können die schwülen Sommernächte mit ihren kühlen Drinks kommen, und wenn es weiter regnet, hör ich mir halt noch ein paar mal Pain Perdu an. Macht genauso gücklich.

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Gutfeeling, 2009

Manchmal muß man der allseits und freilich meist zurecht verpönten modernen Technik dann doch dankbar sein. Mit einer längeren Autobahnfahrt konfrontiert, machte ich gestern Gebrauch von einem modernen Schnickschnack, der sich mittlerweile, digitale Jugend sei Dank, durch viele der aktuellen Vinylveröffentlichungen zieht: dem digitalen Downloadcode. Und als ich mich dann gestern nacht bei strömendem Regen auf besagter Autobahn wiederfand, dunkel war’s, eine leichte Melancholie saß auf dem Rücksitz, entschied ich mich dafür, auf meinem mp3-fähigen autointernen CD-Player „Hold Fast“ von G.Rag y los Hermanos Patchekos zu hören, die neue Veröffentlichung aus dem Münchner Hause Gutfeeling, einem der feinsten Mikrolabels dieser Lande. Ein Volltreffer, möchte ich sagen.

G.Rag y los Hermanos Patchekos sind irgendwie die labeleigene Big Band von Gutfeeling, ein wilder Haufen Musiker, die sich um den Vorsteher G.Rag versammeln und z.B. auch bei den Dos Hermanos mitspielen oder bei den Landlergschwistern, und die, wie eine Freundin gestern nacht – ich war endlich auf der Feier am Ende meiner Fahrt angekommen und erzählte von meinem Hörerlebnis – meinte, eher wirken wie eine Fußballmannschaft als wie eine Band (was als leicht kurioses Kompliment gemeint war).

Als jedenfalls gestern der „Caribbean Calypso Trash“ dieser Band aus meinem Autoradio tönte, wurde es gleich um einige Grad wärmer. G.Rags leicht verzerrte, schön verhaltene E-Gitarre gibt beim Opener „Traversia Caliente“ ein kleines, groovendes Moll-Riff vor, auf das die Band dann nach und nach einsteigt, erst die Percussion, später dann die wunderschönen Bläser, und das Leben wird plötzlich cinematisiert. Anstatt auf einer Autobahnfahrt durch den Süden Deutschlands fand ich mich irgendwo in der Karibik wieder, auf einer wilden Feier kurz vor Mitternacht, mit einem Haufen trauriger Geschichten im Herzen und dem unbedingten Willen, sie heute nacht einfach zu vergessen. Was dann auch gegen Ende des Openers gelingt: Auf einmal kippt der Song in ein kleines, ruhiges Dur um, eine wunderschöne, hymnische Trompete erklingt, ein Schauer der Erlösung überkommt den Hörer, bevor man sich tiefer und tiefer in die Nacht tanzt.

Die Schwüle und das Cineastische bleibt, das Tempo wechselt: Der „Gambling Bar Room Blues“ von Jimmy Rodgers ist genau das, ein schleppernder, scheppernder Blues, getragen von G.Rags nachlässigem Trademark-Gesang durch sein altes Megaphon, einem schrägen Banjo und New-Orleans-Bläsern, die der erzählten Moritat die nötige Dringlichkeit verleihen, sie aber auch vorm allzugroßen Ernst bewahren.

Dann, plötzlich der „Nervous Breakdown“: Ein überraschendes Black-Flag-Cover, nicht ganz überführt in den Sound der Band, eher am Rand des Hardcore bleibend, mit lustiger Melodika, diesem schönen warmen Gitarrensound und der scheppernden Percussion. Wohnzimmerpunk, heartfelt, nicht ganz passend, aber ein gelungener Szenenwechsel, der die flotte „Cajun Maid“ vorstellt, nun nicht mehr bei Nacht, sondern in strahlendem Zydeco-Sonnenschein, ein kleiner volkstümlicher Tanz, der einfach so glücklich macht: „Je veux danser with her“, au ja!

Das Instrumental „Mi Barrio“ führt dann wieder durch calexicohafte Hinterhöfe, Schwarzweiß-Bilder wie aus „Down by Law“ von Jarmusch, eine tastende Gitarre, eine verlorene Trompete, eine einsame Slide-Gitarre, und ein Rhythmus, der alles zusammenhält. Dann „Rags’n’Bones“, wieder eine Überraschung. Ein dreckiges, funky Riff und G.Rags heiserer Gesang, ehe ein schön dreckiger New-Orleans-Funk anfängt, mit hymnischem Refrain, coolem Call-and-Response-Gesang und einer superguten Tanzboden-Credibility, und freilich wieder dem nötigen Schuß Humor und Spaß, und die zweite Überraschung birgt die Autorenschaft, „Rags’n’Bones“ stammt von Punklegende NoMeansNo. Mittlerweile rinnt der Schweiß schon immens, das Meersalz in der Luft vermischt sich mit dem Geschmack des Rums, und dann kommt eine richtig geile Überforderung inmitten der Schwüle, „Le Massacre du Melodica“, schnell, rockend, das „Duelling Banjos“ für zwei Melodikas, ein herzlicher, versierter Lacher, eine Melodie, die einen so schnell nicht mehr losläßt.

„Get On Board“ dann wieder klassisch, verhalten, tief melancholisch, irgendwie hoffnungslos schön, bevor der „balkan brass swing en speed“ von „Swing Vergol“ einen wieder auf die Füße reißt, müde zwar, aber wieder mit oben erwähntem unbedingten Willen zum – wenn auch bitteren – Spaß.

Gewagt ist dann „Jockey Full Of Bourbon“ vom großen Tom Waits. Vielleicht liegt es daran, daß ich Waits und vor allem sein Werk um „Rain Dogs“ (1985) zu gut kenne und zu sehr liebe, vielleicht ist „Jockey Full Of Bourbon“ durch „Down By Law“ einfach zu bekannt, aber hier mußte ich dann doch erstmal schlucken. Bislang hat es noch niemand geschafft, an Waits heranzukommen, was vor allem an dessen unglaublicher Stimme liegt und an seinen irgendwie zerstörten, zerstückelten Arrangements. Doch die Hermanos Patchekos tappen nicht in die Falle, Waits imtieren zu wollen, sondern bleiben vor allem gesanglich auf ihrer Seite, irgendwie müde, irgendwie nachlässig, und siehe: Es funktioniert dann doch. Instrumental aus einem eher solideren Guß wie die Waits-Arrangements im allgemeinen, fügen sie dem Original hier und da noch Kleinigkeiten hinzu, das Akkordeon, die verlorene Trompete, der beswingte Rhythmus. Zwar legt sich mir beim Hören im Geiste immer wieder der Waits’sche Gesang drüber, aber vor allem der rabiate, gelungene Schluß versöhnt damit wieder.

Und dann wird’s nochmal richtig sommerlich, fröhlich, leicht, schön: „Influence“, das Cover der Skate-Punk-Band Old Boys, ist mit seinen Steeldrums genau das richtige Lied, um einen morgens mit einem Lächeln aus dem Bett zu kriegen und den Tag zu umarmen. Die Bläser muß man hier nicht nochmal erwähnen, sie sind schön und toll wie überall auf dieser Platte. Vielleicht, neben „Cajun Maid“, mein heutiges, sommerlich-sonntagnachmittagliches Lieblingslied.

Ein schönes Stück „60s rocker“ ist dann das französische „J’ai Tardé“, gesungen vom Black Rider, ein kleines Lied für Akkordeon, ein Lächeln gegen Ende der Platte, bevor der obligatorische Hank Williams zu Ehren kommt. „Cold Cold Heart“ ist ein trunkener Country-Waltz, der sich heiter durch die haßerfüllte Männer-vs-Frauen-Welt schunkelt, der auch ins Bierzelt passen würde (ach, stimmt, die Landlergschwister), mit der nötigen respektvollen Respektlosigkeit, die es braucht, um Songklassikern neues Leben einzuhauchen. Und dann ist die Platte vorbei.

A propos Platte: Zu meinem Downloadcode gehört freilich auch die Vinylausgabe, und die möchte ich dem werten Leser aufs Wärmste ans Herz legen, selbst wenn er nur einen schnöden CD-Player besitzt (hey, denkt an den Downloadcode!). Denn wie immer bei Gutfeeling kommt das (in diesem Fall Doppel-)Vinyl wunderschön verpackt daher, mit einem tollen Siebdruck-Klappcover auf rauhem, festem Karton, gestaltet von Lilli Flux, und kleinen Gimmicks wie Aufklebern und einem schönen Beipackzettel. Nix Plastik, das Vinyl ist auch ein Vergnügen für Finger und Augen, das sei hier explizit erwähnt und gelobt!

„Hold Fast“ ist sozusagen das Jubiläumsalbum der Hermanos Patchekos, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiern (und ich gratuliere herzlich!). Und sie haben sich und uns damit ein schönes Geschenk gemacht, eine wunderschöne, sehr abwechslungsreiche Platte, die vielleicht hier und da ein oder zwei kleine Schwächen zeigt, insgesamt aber musikalisch und auch atmosphärisch auf sehr hohem Niveau bewegt und den typischen, reichhaltigen, immer leicht schrägen, aber doch immer wunderschönen Patcheko-Sound hat. Eine Platte wie der Soundtrack zu dem Leben, das man gerne leben würde, aber leider heißt man weder Humphrey Bogart, noch führt Jim Jarmusch Regie. Das ist zwar schade, aber dafür gibt es ja Platten wie „Hold Fast“. Gibt’s, wie noch viele andere schöne Platten, auf der Homepage von Gutfeeling. Auf geht’s, kaufen!

www.g-rag.com
www.gutfeeling.de

Gutfeeling, 2008

Ach herrje, dachte ich, als ich heute vormittag nach dem Aufstehen in einer Mußephase die schöne 12″ von G.Rag und den Landlergschwistern in die Hand nahm, lächelnd an das Konzert der Hermanos Patchekos – sind es komplett dieselben Musiker? Eine leicht modifizierte Besetzung? Jedenfalls auch mit G.Rag als Vorsteher – gestern Abend dachte und dabei meine Finger über die rauhe Plattenhülle gleiten ließ, umweltschützend, recycled, ein haptisches Vergnügen für den Sammler und, wie alle Platten aus dem Münchner Hause Gutfeeling, allein schon zum Angucken und -fassen einfach schön.

Und so ein bißchen hatte ich eine Ahnung von dem, was kommen würde, zog sich Bavarisch-Folkloristisches doch schon durch den Calypso-Folk-Trash von gestern Abend, allerdings nur in Ansätzen, als – zugegeben verdächtig fingerfertiger – Lacher zwischendurch. Und natürlich war mir klar, daß die Landlergschwister nicht wie die Hermanos Patchekos klingen würden, das steckt ja schon im Namen, und weil jene sich auf dem Terrain besagten Calypso-Folk-Trashs mit viel Kenntnis, Respekt und Leidenschaft umtun, hätte man sich ja denken können, daß diese mit bayrischer Folklore…

Ich bin dennoch erschrocken, als aus meinen Lautsprechern plötzlich weißblaue Blasmusi erklang, und weil ich in der Wohnung unterwegs war, auch noch entsprechend laut, damit ich’s auch im Bad noch hören konnte, und jeder, der vorbei lief, auch auf der Straße. Ach herrje, wie authentisch! Wie, hmja, bierselig, weißwurschtselig, breznselig. Auf einmal konnte ich mir vorstellen, wie sich K. damals gefühlt hat, als ich ihr ihre erste Alt.Country-Kassette aufgenommen und gleich mit dem sehr bluegrasslastigen „Picture on my mind“ von Freakwater angefangen habe – sehr wohl wissend, was ich da tat! -, und sie sich zuerst wohl ziemlich dafür geschämt hat. Mir trötete heute beim Eröffnungsstück „Amalie“ ein Orchester aus Tuba, Trompeten, Hörnern und Akkordeon entgegen, als ob ich im Bierzelt sitzen würde. Wie peinlich. Wie hinterwäldlerisch. Wie … beseelt! Wie seligmachend! Und hey, plötzlich ein ungewöhnlicher Break im zweiten Stück „Hoitsn auf!“. Und dann Südstaatenschwermut par excellence: Die Landlergschwister spielen Hank Williams und stecken ihn tief ins Mississippi-Delta, mit schrägen Bläsern, einem desolaten Banjo und G.Rags typischem Gesang durchs Megaphon.

Die zweite Seite beginnt dann wiederum ziemlich unbayrisch, nämlich mit dem Südstaatenfunk von „Kommissar Schmelz“, und wo „Xaver Reloaded“ dann wieder sehr blauweiß wird, entwickelt sich plötzlich das genrefremde Banjo teilweise zum tragenden Instrument, die Tuba klingt allzu schräg, und die Restbläser ergehen sich in unheimlich schönen Harmonien, bevor die „Juli Polka“ wieder unterm, naja, Maibaum landet.

Ist es jetzt Volksmusik, oder Folkmusic, oder Folklore? Verwendet man die Ironie der Landlergschwister gegen sie, dann ist es volkstümliche Musik, von großkopferten Studierten aufgegriffen, in neue Kontexte gestellt, ausgeschlachtet, eine Travestie, ein böser Scherz mit der Saufmusik des einfachen Volkes. Aber, nein, so ist es nicht. Ironie? Ja, schon. Aber gleichzeitig so dermaßen viel Herzblut, Leidenschaft, Spielfreude, daß man merkt: Hier nimmt jemand die Musik ernst, ohne sie bierernst zu nehmen. Punk in dem Sinne, in dem auch Guggenmusik aus der Schweiz Punk ist: nämlich aufrichtig, voller Freude, und druff g’schissen, was irgendwer dazu sagt, ob’s der Obercoole zu uncool findet oder der Musikantenstadlfuzzi zu lärmig.

Ich zitiere die Homepage von Gutfeeling: „Nichts weniger als den versauten Ruf Bayerischer Folklore wiederherzustellen ist das Ziel eines weiteren G.Rag-Spin-Offs: G.Rag und die Landlergschwister spielen Landler, Zwiefache, Gstanzln und Wirtshausklassiker, so wie sie sich gehören, rau, schräg, mit/ohne megaphone und laut. Eine Watsch’n für alldiejenigen Verbrecher, die diese Musik wie eine todgeweihte Sau durch die Dörfer einer virtuellen Fernseh-Voralpenidylle treiben.“ Die Landlergschwister in aufrechter Mission also, und plötzlich ist es irgendwie gar nicht mehr seltsam, daß sich zwischen all der bayrischen Folklore zwei Covers von Hank Williams befinden, diesem Countryrebellen, diesem Künstler und Säufer, demjenigen, der persönliche Abgründe in die Countrymusik gebracht hat und sie als erster zum Vehikel für die eigene, ganz persönliche Pein machte, dem allzufrühverstorbenen Schmerzensmann mit dem ewigen schiefen Grinsen im Gesicht. Und genau das ist diese Platte für Bayern: aufrechte, ernstgemeinte Schmerzensmusik aus dem Hinterwald mit einem dermaßen schiefen Grinsen im Gesicht, daß es nur so eine Freude ist.

Ach ja, und bestellt Euch doch bei der Gelegenheit gleich den gesamten Backkatalog von Gutfeeling, da könnt Ihr nix falsch machen.

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