crookedrain

Matador Records, 1994

Diese Übergangsjahreszeiten, der Herbst und eben jener Frühling, der uns momentan schon früh im Jahr aufs Haupt scheint und uns mit ein paar Sonnenstrahlen beglückt, diese Jahreszeiten sind geeignete trigger für allerlei Erinnerungen. Und wenn der Frühling dann doch frühsommerlich wird und zum Beispiel eine vierspurige Schnellstraße in güldenes Licht taucht, dann möchten wir das Gaspedal durchdrücken wie damals und vergessen, daß alles immer schlimmer als eh schon wird, dann möchten wir also die Gegenwart vergessen und uns an bessere, lebendigere, sorglosere Zeiten erinnern. Warum nicht an unsere Jugend im Sommer 1994?

1994 war das Veröffentlichungsjahr von „Crooked Rain Crooked Rain“, Pavements zweiter LP nach „Slanted And Enchanted“ (1992), und damit ein wichtiges Jahr für den sogenannten College Rock oder Slacker Rock oder Indie Rock. 1994 war auch das Jahr meines Schulabschlusses, ein Jahr des doch recht heiteren Umbruchs, des ersten Schnupperns ins Berufsleben (schnell wieder sein gelassen), der Befreiung von Schulzwängen, blöden Klassenverbänden, Scheißfächern und so weiter. Ein Duft von Freiheit also, der durch mein enges Tal wehte, nach Sommer, Sonne, Weite, Urlaub und Spaß roch, aber auch nach einer irgendwie verlorenen Unschuld zugunsten einer abgeschlossenen Schulbildung, dem Zynismus der (Minimal-)Erleuchtung und der Ahnung, daß jede Skateboardfahrt die letzte ohne Selbstversorgerzwang sein könnte.

Die Veröffentlichung von „Crooked Rain Crooked Rain“ jährt sich dieses Jahr außerdem zum zwanzigsten Mal, womit man die Platte ruhig als „Oldie“ bezeichnen kann (was mich ein wenig deprimiert, aber nicht allzu sehr), und darum gilt ihr diese kleine Besprechung, ganz im Zuge einer gewissen Rückwärtsgewandtheit, die sich gerade durch diesen Blog zieht.

Ich habe die Vorzeigeslacker Pavement damals durch ihren witzigen, absurden, anarchistischen Videoclip zu „Cut Your Hair“ im Musikfernsehen kennengelernt, und ich war, meinem Hang zu düsterer Musik zum Trotz, sofort total begeistert. Diese Eingängigkeit, gekoppelt mit einer fast schon unverschämten Nachlässigkeit der Performance, diese windschiefe Harmonieseligkeit, dieses völlige Fehlen von Rockismen – „Crooked Rain Crooked Rain“ war damals Neuland für mich (dem Grunge fehlte erstens der Humor (von Mudhoney abgesehen), und zweitens war er halt doch durchaus rockistisch, Nirvana und Pearl Jam zum Trotz), und eine prima Musik, um mich durch dieses letzte Schulhalbjahr zu begleiten.

Über die Songs selbst muß man ja eigentlich kaum noch Worte verlieren. „Cut Your Hair“, die Übersingle, das schöne „Gold Soundz“ oder das wundervoll entspannte, melancholische „Range Life“, das die Smashing Pumpkins und die Stone Temple Pilots disst, aber auch die unbekannteren Stücke wie „Elevate Me Later“, „Stop Breathin'“ mit seinem dringlich-verschlafenen Outro, die Ballade „Heaven Is a Truck“ oder das psychedelische „Fillmore Jive“, durch die ganze Platte zieht sich eben besagtes Dringlich-Verschlafene, diese müde Ironie einerseits, der fast schon aggressive Spaß an wirren Albernheiten andererseits. Hier waren Musiker, die einiges an Köpfchen aber keine Lust dazu hatten, das auch ernsthaft auszudiskutieren. Die die Musik liebten, aber mal so richtig keinen Bock auf das „Business“ hatten. Die der schlecht gelaunten Ironie, die sie nicht mehr ablegen konnten, mit Blödsinn beizukommen versuchten.

Aber ehrlich: Dieser intellektuelle Ansatz, sich Pavement zu nähern, war mir damals egal. Sicher, ich habe gespürt, wie intelligent und anders „Crooked Rain Crooked Rain“ war, aber wichtig war für mich vor allem, eine Sommermusik gefunden zu haben, die nicht albern, nicht oberflächlich, nicht rockistisch, nicht düster war, die den Intellekt anspricht, die man aber auch einfach mit schwankender Stimme mitsingen konnte. Und a propos „singen“: Steven Malkmus‘ Stimme gehört für mich zu den schönsten des Indierock überhaupt.

Deswegen lege ich „Crooked Rain Crooked Rain“ immer wieder auf, wenn es draußen Frühling wird: Weil ich mich mit diesem Album wieder jung fühlen kann, ohne mich albern oder unreif zu fühlen. Und weil es einfach wunderschöne Lieder sind, die wundervoll schief und krumm und lustig und spannend arrangiert und gespielt sind. Nie hat schlechte Laune heiterer geklungen als die von Malkmus, nie war Verweigerung so fluffig und bunt wie bei Pavement. Von mir aus kann der Frühling jetzt kommen.

www.matadorrecords.com/pavement

Merge/Tomlab 2011

Es ist ein wenig gemein gegenüber den anderen Liedern auf diesem Album, daß ausgerechnet „Damn These Vampires“ direkt am Anfang steht. Als die Platte schon einige Zeit vor Veröffentlichung im Stream zu hören war, habe ich es nicht über mich gebracht, mir die Vorfreude auf das Vinyl zu verderben und daher nur eben diesen ersten Song angehört, zwei oder drei Mal. Und ich war sofort unglaublich verliebt. Ich weiß nicht genau, was dieses Lied so zwingend macht (das heißt, ich weiß es schon genau: es ist die Gesangsmelodie der je ersten zwei Zeilen der Strophen, es ist der Akkordwechsel „A-E-D“ an deren Ende, es sind diese tiefmelancholischen Bilder, die Darnielle dichtet, es ist seine sanfte, traurige Stimme), ist es doch eigentlich ein bisserl kitschig, vielleicht ein bisserl zu sehr konventioneller Adult Oriented Indie Pop, lässt es doch die Hysterie und den Sturm und Drang, die die früheren Alben der Mountain Goats ausmachen, missen. Aber trotzdem. Manchmal packen einen manche Lieder so derart, daß man sie wieder und wieder hören muß, und daß man jedesmal die Tränen runterschlucken muß, wenn man Zeilen hört wie „Sleep like dead men / Wake up like dead men“ oder „And let those glass doors open wide / And in their surface / See two young, savage things / Barely worth remembering“.

Aber nach vielfachem Hören von „All Eternals Deck“ nutzt sich die Wirkung dieses Liedes natürlich ab, und das Herz wird frei für die anderen Songs von „All Eternals Deck“. Und die stehen dem Opener eigentlich in nichts nach. Doch dazu später.

Der Clou an „All Eternals Deck“ ist, daß die Mountain Goats das Album mit insgesamt vier verschiedene Produzenten an vier verschiedenen Orten aufgenommen haben, unter anderem – und das freut den Death-Metal-Fan, der ich einst war, verwundert aber bei dem glühenden Death-Metal-Fan, der John Darnielle noch immer ist, kein bißchen – Erik Rutan, ehemals Gitarrist von Morbid Angel, jetzt Vorsteher von Hate Eternal. Und ein feines kleines Detail ist, daß Darnielle Rutan nicht etwa die härteren, rockigen Songs überlassen hat, sondern zwei düstere, eher verhaltene Songs („The Autopsy Garland“, „Beautiful Gas Mask“) und zwei wirklich sonnige Lieder („Birth Of Serpents“ und „Sourdoire Valley Song“). Und Rutan wird diesen Liedern mehr als gerecht, baut in die düsteren beiden kleine Effekte ein (der schnarrende Baß in „The Autopsy Garland“, dieser seltsam zischende Effekt in „Beautiful Gas Mask“) und verleiht den schönen, heiteren Songs eine tiefe Wärme.

Es führt mir hier zu weit, die Besonderheiten der anderen, für Indie-Hörer wahrscheinlich weniger kuriosen Produzenten (Brandon Eggleston, Scott Solter und John Congleton) zu analysieren. Erwähnt sei aber noch das schöne Scheppern in „Estate Sale Sign“, einem echten Rocksong ohne E-Gitarre, und der leichte Delay auf der Stimme, die dem ganzen einen Garagencharme verleihen und trotzdem in jedem Detail klar bleiben.

Und a propos Details: Eine weitere Stärke von „All Eternals Deck“ sind all die kleinen Details in den Kompositionen und den Arrangements, die nie überladen wirken, die Platte aber trotzdem von Anfang bis Ende aufregend machen. Seien es die alpträumerischen Akkorde und die orientalisch und altertümelnd anmutenden Streicher (arrangiert von Yuval Semo, der auch in der aktuellen Tourband mit dabei ist) von „Age Of Kings“, sei das die kleine Doppelung von Darnielles Stimme im voranstürmenden „Prowl Great Cain“ (ein weiterer absoluter Favorit), sei es der Akkordwechsel vom A auf das G in der zweiten Zeile des Refrains von „Never Quite Free“.

Am allerschönsten allerdings sind die North Mountain Singers auf „High Hawk Season“, die dieses kleine Stück, das ansonsten nur aus Darnielles Stimme und seiner Akustikgitarre besteht, mit einem ausgefeilten a-capella-Arrangement unterlegen, das sich irgendwo zwischen Kunstlied und Appalachenmusik bewegt. In anderen Kontexten klänge so ein Chor vielleicht zu dick aufgetragen und albern, hier aber bereichert er das Stück um viele Farben, spendet Kraft und Hoffnung, ist ganz einfach wunderschön.

Jenseits der Arrangements finden sich auf „All Eternals Deck“ aber auch ein paar der schönsten Lieder, die John Darnielle je geschrieben hat. Ob er, wie im bereits erwähnten „Age Of Kings“, seinen Drei-bis-vier-Akkord-Kosmos um seltsam offene Harmonien erweitert, oder ob er genau das macht, was er immer schon konnte, wie in „Never Quite Free“, „Liza Forever Minelli“ oder in „Birth Of The Serpents“ – es gibt kaum schwache Momente im Songwriting. Glitt das Vorgängeralbum „The Life Of The World To Come“ (2009) gegen Ende hin in eine gewisse Belanglosigkeit ab, so hält Darnielle hier sein Niveau bis zum Schluß. Sicher: „Liza Forever Minelli“ ist kein „Prowl Great Cain“, mit dem „Sourdoire Valley Song“ werde ich, im Vergleich zu den wunderbaren anderen Liedern, nicht wirklich warm, und „Never Quite Free“ lebt für mich hauptsächlich von diesem einen Akkordwechsel und dem irgendwie ermutigenden Tempo und dem Beat, und aber dennoch trägt diese Platte von Anfang bis Ende. Das mag dann nicht zuletzt doch an der Produktion liegen, denn die irgendwie homogene Heterogenität der vier Produzenten macht vieles interessanter, was in einem einzigen Sound vielleicht doch ein wenig langweiliger geworden wäre. Sei’s drum, das Songwriting auf diesem Album ist wirklich gut.

Dem stehen auch die Texte in nichts nach. Von 70er-Jahre-Horrorfilmen seien sie inspiriert, sagte Darnielle in einigen Interviews, vom Grauen, das in den Alltag einbricht. Aber, und auch das hört man von ihm immer wieder, eigentlich geht es in seinen Songs ums Überleben, um Hoffnung und Kraft. Man kann diese Texte durchaus auch als Gedichte Lesen, als kleine, hilfreiche Geschichten, deren Moral lautet: „Du wirst überleben!“, und die vor wundervollen kleinen Zeilen nur so strotzen („When the sun comes try hard not to hate the light / Some day we’ll try to walk upright“; „We are young supernovas and the heat’s about to break“; „Sometimes a great wave of forgetfulness rises up and blesses me / And other times the sickness howls and I despair of any remedy“; „Regrind the lens again and again and again but still the picture flips / Anyone here mentions Hotel California dies before the first line clears his lips“).

Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es in den liner notes auch noch eine recht ausführliche Geschichte des „All Eternals Deck“, ein scheinbar apokrypher Tarotkartensatz (Wikipedia behauptet, das sei alles erfunden) – that’s entertainment.

„All Eternals Deck“ ist tatsächlich eine der schönsten, vielseitigsten und besten Platten, die die Mountain Goats je gemacht haben. Sicher, mit dem Lo-Fi-Folk der ersten Tapes und der frühen Alben hat dieses Album nicht mehr viel zu tun. Vielmehr muß man sogar von einer Indierock-Platte sprechen, auch wenn dieser Begriff mittlerweile grauslig geworden ist und grauslige Menschen evoziert, die grauslige Musik hören. Wahrscheinlich aber ist „All Eternals Deck“ einfach eine Sammlung einiger der besten Lieder, die je geschrieben worden sind, mit einigen der besten Arrangements, die man je im Popsektor hören konnte, vorgetragen von ein paar der sympathischsten Musikern, die es gibt. Punkt.

www.mountain-goats.com
www.mergerecords.com
www.tomlab.de

P.S.: Schöne „Essays on the work and art of the Mountain Goats“ finden sich auf Sad Young Cardinals, z. B. von Eurem Dr. Schreck.

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Drag City, 2001

Was lange währt, und so weiter: Lange, sehr lange bin ich um dieses Album herumgeschlichen, das mich vor allem wegen Bill Callahan interessiert hat, und immer war es mir zu teuer dafür, daß es mir beim ersten Reinhören nicht wirklich gefallen hat (damit allerdings habe ich dieser Platte unrecht getan!), und nun konnte ich sie endlich deutlich reduziert (mit einem Knacken auf Seite A) erstehen, gottseidank, wie schön!

Ein bißchen merkt man schon, daß dieses Album von 2001 ist: Heutzutage würden bei einer „Drag City Supersession“ wahrscheinlich andere Namen auftauchen, auch wenn die Musiker hier immer noch für das Chicagoer Label tätig sind. Aber außer Bill Callahan (ehemals Smog), vielleicht Neil Michael Hagerty (bekannt von The Royal Trux, The Howling Hex oder seiner zeitweisen Teilnahme bei Jon Spencers Pussy Galore) und ganz vielleicht noch Edith Frost sind sie wohl weitgehend unbekannt: Rian Murphy (den man eher als Produzent kennt), Brendan Murphy, Tara Key, Jessica Billey, Matt Bauder, Mark Greenberg, Azita Youseffi, und gerade mal Jim O’Rourke kam durch Sonic Youth, Wilco und seine eigenen Alben zu einem gewissen Ruhm – es geht wohl hauptsächlich um erstgenanntes Trio, die den vertretenen Liedern auch ihre Stimmen leihen.

Callahan, Hagerty und Frost haben sich hier also zusammengetan, um eine feine kleine Session einzuspielen, zwischen allen Polen, die die Musiker vertreten, diese auch schön vereinend, eine Session also, die sich zwischen dissonantem Gitarrenlärm und feinfühligem Folkverständnis bewegt, mit viel Humor und Lust am Musizieren.

Herausgekommen ist ein ziemlich buntes Album, das den eigenen Ton der Protagonisten in ein abwechslungsreiches, aber dennoch unverwechselbares Gewand packt und dabei erstaunlich heiter bleibt. So klingt der Opener „Zero Degrees“ aus Callahans Feder z.B. wie ein urtypisches Smog-Stück, aber ungleich munterer und spaßiger als dessen oft sehr schwermütige Werke, abgesehen von den herrlich schrägen Streichern, die fast schon gruselig sind. Das Lou-Reed-Stück „Charley’s Girl“, gesungen von Edith Frost, schmiegt sich daran nahtlos an und bleibt doch unverkennbar Reed, mit einer schön noisigen Gitarre von Hagerty, dessen „Texas Dogleg“ dann auch gleich eher ins Psychedelische abrutscht und sehr nach den sonnigen 70ern klingt, mit einem tollen Refrain und wiederum den von Jessica Billey und Matt Bauder ersonnenen Streichern. Aus der Schönheit heraus fällt dann Del Reeves „Girl on the Billboard“, ein flotter Countrystomp, der allerdings bis auf den Beat und eine Slidegitarre reduziert ist und seine Countryseligkeit, auch dank Callahans monotoner Stimme, nur noch erahnen läßt. Dann wird es mit Frosts verhalltem „Leaving the Army“ wieder gespenstisch schön und hippiesk, mit Hagertys „Everyday“ schnell und schräg, bevor Callahans Melancholie in „Nothing Rises to Meet Me“ dann doch durchbricht, ein für dieses Album erstaunlich ernsthaft arrangiertes und nahezu konventionell vorgetragenes Stück.

Spannender dagegen sind die darauffolgenden Coverversionen, einmal von Randy Newmans „Old Man“, und einmal von Black Sabbaths „N.I.B.“. „Old Man“, hier von Edith Frost gesungen und von Azita Youssefis  Piano getragen, ist eine nahezu weihnachtlich anmutende, gehauchte Ballade, die Newmans Altherrensarkasmus durch aufrichtiges Sentiment ersetzt und damit nichts falsch macht. Kitsch ja, aber sehr schöner Kitsch. „N.I.B.“ dagegen verliert in Hagertys Händen nichts von seiner heaviness, sondern gewinnt vielmehr zusätzlich ein psychedelisches Element, allerdings psychedelisch im Sinne von „psycho“, durch Hagertys Slidegitarre und wiederum die wunderbaren Streicher, die eine unglaubliche Dramatik erzeugen und sie zugleich wieder selbst zerlegen.

Den Abschluß bildet Frosts Ballade „One Chord Complaint“, wieder eine Hippieballade, verträumt, schräg, schön, eine manchmal lärmende Meditation am Ende einer tollen Platte.

Die „Drag City Supersession“ scheint für die Beteiligten ein Riesenspaß gewesen zu sein, was man der Platte zu jeder Sekunde anhört. Eingebettet in ein musikalisches Umfeld, das durchaus etwas von Schönheit versteht, sich selbst aber viel zu wenig ernst nimmt, um kitschig zu sein, das experimentell genug ist, um aus Callahans Zwei-Akkord-Liedern ein Hörerlebnis zu machen, dabei aber nie seine Popaffinität vergißt, brachte dieses Album das Beste der Protagonisten zum Vorschein (nicht, daß ihre eigenen Alben irgendwie schlechter wären) und vereinte es in viel Humor und Spaß. Eine tolle Platte, Hippietum at its best, und dabei doch viel zu ironisch für Hippies. So muß es sein.

www.dragcity.com