Mastodon-TheHunter-albumcover

Reprise Records, 2011

Vor einiger Zeit mal beim Elektrogroßhandel meines Vertrauens aus einer Billigkiste gezogen und für knapp fünf Euro mit nach Hause genommen, mauserte sich dieses Album in der letzten Zeit zu meiner Lieblingskurzstreckenautofahrtsplatte. Und weil jetzt doch langsam der Frühling kommt und die Zeit für düstere Musik vorbei ist, kommt jetzt endlich mal Mastodons (noch) aktuelle Platte „The Hunter“ zu einer Besprechung hier in meinem kleinen Blog (man liest, das neue Album sei so gut wie fertig).

Mastodon habe ich schon etwas länger auf dem Schirm, wie man sagt, ohne mich aber tiefer reingefunden zu haben in diese ziemlich tolle Band. Aufmerksam wurde ich über den Bootleg-Blog Southern Shelter, ein guter Freund führte mich dann nur leidlich erfolgreich näher an Mastodons Backkatalog heran, und erst „The Hunter“ zündete dann richtig. Und obwohl Mastodon ja eine Metalband sind, und Metal ja eher mit den Klischees von Dunkelheit, Schnee und allgemeiner Fiesheit spielt, ist „The Hunter“ für mich Zuspätkommenden die Gute-Laune-Platte für den Frühling 2014.

Aber zuerst muß man sich durch das unglaublich brillante Eingangsriff des Openers „Black Tongue“, nun ja, rocken, ein Riff, von dem die meisten Metalbands nur träumen: mächtig, groovend, originell, eingängig und einfach irrsinnig gut. Überhaupt ist Black Tongue mein Lieblingslied auf dem Album, gefolgt von meinem zweitliebsten, „Curl of the Burl“ (für das die Band einen sehr witzigen Videoclip mit dem B-Horrormoviestar Bill Oberst Jr. in der Rolle des durchgeknallten Methheads gedreht hat), und das jede ordentliche Party zum Spaßhaben bringt.

So weit, so metallastig. Doch der dritte Song, „Blasteroid“, macht klar, warum „The Hunter“ eine Frühlingsplatte ist. Denn bei aller Geschwindigkeit und aller Fiesheit im Text macht dieses Lied wirklich gute Laune, ist ein schön gesungener, von heiteren Gitarren getriebener Rocksong, für den man grad sein Skateboard wieder aus dem Keller holen möchte. „Stargasm“ beeindruckt dann mit seiner psychedelischen Dringlichkeit, einerseits drängend und fordern, andererseits aber irgendwie bekifft, mit tollen Gesangsharmonien (ich muß an dieser Stelle zugeben, daß ich die drei Hauptsänger Troy Sanders, Brent Hinds und Brann Dailor sowie den Sangesdebütanten Bill Kelliher noch nicht wirklich auseinanderhalten kann) und dem wie in den anderen Songs auch tief beeindruckenden Drumming von Brann Dailor.

Den schönsten und traurigsten Titel hat „Octopus Has No Friends“, das mich jedesmal zurück in die seligen 90er entführt, und erst beim düsteren, fiesen „All The Heavy Lifting“ wird „The Hunter“ so richtig Metal, für mich jedenfalls. Was aber gar nichts macht, denn: Frühling und so, nicht wahr? Das Titelstück der Platte ist dann wieder ein fast schon romantisches, düsteres Kifferlied, sehr psychedelisch, mit einem sehr schönen Spannungsbogen vom gezupften Intro hin zum klassischsten Rockgitarrensolo der Platte, das den Song beschließt.

„Dry Bone Valley“ nimmt einen dann mit auf eine wilde Fahrt im Pickup-Truck durch eben dieses öde Tal, gehetzt von allen Dämonen, straighter Stoner-Metal, und schon „The Thickening“ wird wieder progressiver und psychedelischer, ehe es mit „Creature Lives“ richtig romantisch wird. Anfangs musste ich über dieses Lied lachen, das die Geschichte des Dings aus dem Sumpf aus Sicht seines Kumpels erzählt und um Mitleid mit dieser Kreatur bittet, aber mittlerweile mag ich diesen kindlich-kitschigen Song doch auch recht gern.

„Spectrelight“ mit Scott Kelly von Neurosis am Gesang ist dann genau das, was man bei Kelly erwarten darf, ein fieser, schneller Metalsong, bei dem man das Gaspedal gern nochmal ein wenig mehr durchdrückt. „Bedazzled Fingernails“ ist dann eine schöne Mischung aus rhythmischen Herausforderungen und straightem Auf-die-Fresse, ehe „The Sparrow“ das Album mit großer, balladesker Geste beendet.

Jetzt ist es so: Mastodon sind eine sogenannte progressive Metalband, die sich durch komplizierte Rhythmen, komplexe Songstrukturen und schwierige Gesangsharmonien auszeichnet, und die mit „The Hunter“ ihr eingängigstes Album gemacht haben. Mastodon können gut singen, brüllen aber auch gern  mal, und Mastodon spielen komplexe, aber sehr harte Gitarren. Wenn man sich „The Hunter“ aber mal genauer anhört, stellt man fest, wie sympathisch und sonnig diese Musik ist, wie viel Spaß die vier Jungs haben, und man merkt, daß „The Hunter“ in Wirklichkeit eine waschechte Hippieplatte für Metalheads ist, mit einem tollen Sound und großartigen Liedern. Eine Platte, die man am besten bei offenem Fenster hört, während man morgens mit seinem Auto durch die Frühlingssonne brettert.

www.mastodonrocks.com
www.warnerbrosrecords.com

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Kranky, 2008

Vielleicht wollte mir mein Freund R. einfach den Frühling verderben. Irgendwie werde ich diesen Gedanken einfach nicht los, auch wenn ich R. das weder unterstellen will noch kann. Denn die Wahrheit ist, daß er mir zum Geburtstag einfach das „zugänglichste“ Album seines Lieblingsmusikers schenken wollte und mir damit eine der intensivsten, besten, schönsten, traurigsten, einsamsten und verstörendsten Platten gegeben hat, die ich je gehört habe.

Erzählt hatte er mir schon öfter von Boduf Songs, dem Vehikel des mittlerweile in den USA lebenden Briten Mat Sweet, der seine Lieder daheim im Schlafzimmer mit nur einem Mikrofon aufnimmt, wie uns das Internet verrät. Mein Interesse war schon von Anfang an geweckt, aber ach, es gibt so viel Musik, und irgendwie fand ich den Namen „Boduf Songs“ auch nicht so attraktiv wie zum Beispiel die von Stars Of The Lid oder von Sunn O))), also verschwand der triste Brite wieder aus meinem Blickfeld. Bis letzte Woche.

Im schlichten, schmalen, schönen, tiefschwarzen Digipack wurde mir also „How Shadows Chase The Balance“ überreicht, an einem schönen, sonnigen, warmen Frühlingstag beim Mittagskaffee, und nachdem ich die CD abends zweimal am Stück durchgehört hatte, war ich unendlich traurig und ängstlich wie ein Kind, aber gleichzeitig ungemein bereichert, fasziniert, verzaubert. Denn was ich hier zu hören bekam, war nicht allein Musik. Vielmehr wurde mir ein Blick in den Kosmos, ins All gewährt, in dem der Mensch so verloren ist, wie er nur sein kann. Denn „How Shadows…“ evoziert wie keine andere Platte, die ich kenne, so intensiv das „Schweigen der unendlichen Räume“, das schon Pascal schaudern ließ.

Die Mittel, die Mat Sweet dafür anwendet, sind denkbar simpel: eine Akustikgitarre, hier und da verstörende Geräusche, an einigen seltenen Stellen ein viel zu lauter Drumcomputer und ein Baß, immer wieder ein düsteres Banjo, und dann seine – meist gedoppelte bzw. zweimal oder gar in Harmonien eingesungene – Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt. Die Lieder selbst sind auch recht einfach, Akkordfolgen, die schon oft da waren, Melodien, die zwar schön, aber nicht außergewöhnlich sind, und hätte zum Beispiel ich diese Lieder geschrieben und gespielt, wahrscheinlich klängen sie ziemlich fad. Aber es geht Mat Sweet nicht um das Songwriting im klassischen Sinne.

Seine Lieder sind nicht nur am Folk geschult (siehe sein schnelles, hektisches Gitarrenpicking, das den langsamen Liedern eine tiefe Beunruhigung verleiht), sondern auch und vor allem an den schleifenförmigen Texturen von Ambient und Drone, seine Intensität und durchaus auch Brutalität bezieht er, so wiederum das oben zitierte Internet, aus dem Metal („Acoustic Death Metal“ sei eine Bezeichnung für seinen Stil), und seine Absicht ist eine universale. Sweet will uns nicht seine Kompositionen vorspielen, sondern uns seinen Kosmos zeigen.

Und der ist schwarz und kalt, grausam und einsam. „We fell to earth from pitch black skies“, so beginnt mein Lieblingsstück „Things Not to be Done on the Sabbath“, und sogleich entsteht das Bild eines weiten, finsteren Raumes, auf dessen Boden sich zwei gefallene Engel aufrappeln, sich den Dreck aus den schäbigen Flügeln klopfen und sich umsehen. Ein trauriges Bild? Nicht ganz: „We feed upon the left behind“, so geht es weiter, und es wird klar: „Alle Engel sind grausam“, wie Rilke wußte. Die anderen Lieder tragen Titel wie „Mission Creep“, „I Can’t See A Thing in Here“, „Pitiful Shadow Engulfed in Darkness“ oder „Found on the Bodies of Fallen Whales“, und es wird schnell klar, daß das Bild gefallener Engel nicht zu weit hergeholt ist.

Boduf Songs klingt in der Tat irgendwie esoterisch, oder besser: okkult. Die Lieder erinnern oft an Beschwörungen oder gar Horrorgeschichten, scheinen sich im Fantasy-Bereich zu bewegen, es gruselt einen nicht nur einmal beim Hören. Das Schlimmste aber ist: Selbst diejenigen, die weder mit Stephen King noch mit Dead Can Dance etwas anfangen können, die sowohl „The Grudge“ als auch amulettetragende moderne „Hexen“ mit Verachtung ansehen, werden hier gepackt. Denn unterm Strich sind es nicht die bösen Engel, die hier das Grauen verbreiten, sondern diese existenzielle Einsamkeit und Verlorenheit, für die Mat Sweet ausgesprochen grausame, intensive und zutiefst poetische Bilder findet, und die perfiderweise durch das konsequent verwendete, auf der Kippe zwischen Mitgefühl und Hohn stehende „Wir“ eine noch größere Wirkung entfalten, eine melancholische Resignation. Denn selbst wenn Sweet versucht, ein bißchen Hoffnung zu verbreiten, wie im von einem Drumcomputer getriebenen „Quiet When Group“, bleibt am Ende nichts: „And even when we sleep, we sigh, we sigh / And even when we shine, we sigh, we sigh … And even when we fall, we sigh, we sigh“. Die Monotonie der Kompositionen (nicht allerdings der feinen, detaillierten Arrangements wohlgemerkt!) unterstützt diesen Charakter der Platte noch und ist nicht etwa fehlendes Talent, sondern ein weiteres präzise eingesetztes, quälendes Element.

„How Shadows Chase The Balance“ ist also ein Album, das einem wirklich den Tag verderben kann, das uralte Ängste weckt, wie die bösen Märchen aus Kindertagen, die vom Unaussprechlichen erzählen, „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ auf satanistisch sozusagen, das aber gleichzeitig auch an den aufgeklärten Verstand appelliert, der die Erkenntnis des existenziellen Verlorenseins bereits hinter sich hat und daran verzweifelt. Eine Platte, die so etwas mit dem Hörer macht, ist es unbedingt wert, gehört zu werden. Und außerdem ist sie auch noch einfach wunderschön. Meine Güte!

bodufsongs.com
www.kranky.net

Southern Lord, 2009

Im Anfang war der Klang, und der Klang war überall, und alles war Klang. Und der Klang war warm und dunkel, und der Klang war mächtig. Der Klang war der Anfang und das Ende. Der Klang war das All-Eine, und er lag in den Händen von Stephen O’Malley und Greg Anderson. Der Klang war ein tiefer Klang, und er kam aus zwei sehr, sehr tief gestimmten E-Gitarren, und er war sehr, sehr laut. Weil er aber so tief und warm war, brachte die unglaubliche Lautstärke keinen Schmerz, sondern eine tiefe Ruhe und eine tiefe Geborgenheit.

„Aghartha“, der erste Track von „Monoliths&Dimensions“, dem siebten Studioalbum der Drone-Paten Sunn O))), beginnt, wie man es von Anderson und O’Malley erwartet, mit schweren, sehr langsamen Gitarrenriffs, mit einer undurchdringlichen Wand aus einem irgendwie absoluten Klang, der brutal und zart zugleich ist, ungemein laut und ungemein ruhig in einem. Akkorde, die dahinfließen wie ein gigantischer, Strom, gewaltig und unberührbar. Erstmal nichts Neues also. Mit der tiefen Stimme Attila Csihars, die eine zwischenweltliche Geschichte erzählt, beginnt dann aber nach einigen Minuten eine Reise, die den – zumindest mir – vertrauten Kosmos von Sunn O))) verläßt. Plötzlich beginnt es im Hintergrund zu summen und zu sirren, und ein mächtiges Piano schlägt Akkorde wie eine alte, böse Kirchenglocke, man identifiziert einen Insektenschwarm aus Klarinetten, Oboen, Trompeten, Geigen und diversen Dingen, die knarzen wie die Planken von Ahabs „Pequot“, und irgendwann fällt auf, daß die Gitarren völlig verstummt sind, der Drone von Hörnern übernommen, und Csihar erzählt stoisch weiter, bringt den Lärm zum verstummen, Wasser fängt an zu fließen, und die hermetische Dunkelheit des Anfangs öffnet sich einer zwar düsteren, aber offenen Natürlichkeit, die man zwischen großen Verstärkern mit gemeinen Verzerrern nicht erwartet hätte, während sich Csihar ganz nah aus dem Hall herantritt an des Hörers Ohr.

Zwischenweltlich bleibt es auch im zweiten Track, „Big Church (Megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért)“, dessen Frauenchor zum Einstieg eine deutliche Verneigung in Richtung Arvo Pärt ist. Der dreigeteilte Song ist nicht zuletzt wegen der Gesangsarrangements mein Liebling auf dem Album – der Chor singt langsam und strukturiert, die höhere Männerstimme spricht schnell und hektisch, die tiefe Männerstimme predigt gravitätisch und langsam immer nur dieses eine Wort, das dem Songtitel in Klammern beigefügt ist. Es ist vielleicht ein bißchen albern, ausgerechnet das laut Wikipedia längste ungarische Wort derart prominent zu gebrauchen, aber der Inhalt paßt, bedeutet es doch ungefähr: „wegen deiner fortwährenden Vortäuschung, unentweihbar zu sein“, wenn ich mich nicht irre. Tatsächlich sind die Gitarrendrones hier nur Nebensache, auch wenn die drei Teile des Stücks von jeweils einer mächtig röhrenden Gitarre eingeleitet werden. Es ist vielmehr der Ausflug in die zeitgenössische Klassik und die minimal music, der hier Neuland für Sunn O))) eröffnet, eine Pärt’sche Glocke inklusive, die spannenden Stimmen zwischen angedachtem Obertongesang und klassischen Chorarrangements, die das Stück zwischen Beschwörung und heiliger Messe vibrieren lassen.

„Hunting and Gathering (Cydonia)“ ist trotz jener Glocken, dem hallenden Chor und der Bläsersätze eher wieder dem Black Metal zugeneigt, mit fiesem Metalriffing in Zeitlupe, mit seltsamer, kaum hörbarer Percussion und Csihars bedrohlichem Gesang, bevor ab ungefähr der Hälfte des Stücks dieses Sirren des Anfangs wieder auftaucht, synthetisch diesmal, aber nicht minder bedrohlich. Die Bläser erinnern in ihrer Hymnenhaftigkeit schönerweise an Laibach, und obwohl „Hunting …“ das wahrscheinlich uninteressanteste Stück auf „Monoliths&Dimensions“ ist, ist es dennoch zwingend, treibend und richtig böse.

Den Abschluß bildet dann „Alice“, ein viertelstündiger Track, der als Meditation auf eine vorsichtig angezerrte Gitarre beginnt, die nach Dylan Carlsons späteren Earth-Scheiben klingt (der aber erstaunlicherweise nur bei „Big Church“ mitspielt) und das Stück vom Sound, von den Akkorden und den Harmonien in deren Nähe bringt, also in die Nähe von Neil Youngs „Dead Man“-Soundtrack auf illegalen Tranquilizern. Dazu Orchestersätze und seltsame Geräusche in einem industriellen Hallraum, ein dumpfes, dräuendes Pochen und Wabern, während die Gitarre unmerklich gewaltiger und gewaltiger wird, die Verzerrung zunimmt, so etwas wie Vitalität gewinnt. Und während man auf das Unheil wartet, das sich die ersten siebeneinhalb Minuten lang anzukündigen schien, auf die Gitarrenwände, die den Anfang des Albums markierten, setzen plötzlich hymnische Hörner an, öffnen jenen Hallraum, und wenn man die Augen schließt, sieht man, wie die Sonne langsam über majestätischen Berggipfeln aufgeht, wie sich Dur-Harmonien ihren Weg durch den Nebel kämpfen und warmes, farbenreiches Licht in diese dunkle Welt fällt. Eine Klarinette evoziert Samuel Barbers Visionen des ländlichen Amerika, eine Harfe wird zart gezupft, eine Posaune sucht sich ihren Weg an die Oberfläche, und was als Reise durch eine finstere Zwischenwelt begann, findet Erlösung in einer fast schon klassizistischen Idylle.

Es ist eine gewaltige Reise, auf die Greg Anderson und Stephen O’Malley den Hörer hier mitnehmen, sie und die Heerscharen von Helfern, die den Kosmos dieser zwei Klanggrenzgänger, die den Kern von Sunn O))) bilden, um viele Ebenen erweitern, ihn aus dem Metal hinausführen in die zeitgenössische Klassik und sogar in den Jazz. Sicher, Sunn O))) sind mittlerweile angekommen im Feuilleton, und bei den Intellektuellen ist diese Band mittlerweile ziemlich en vogue, gerade bei denen, die nicht einmal eine einzige Black-Metal-Platte daheim stehen haben, sich nun aber damit brüsten, mal was „total Extremes“ zu hören. Und ja, gerade dem intellektuell anspruchsvollen Musikhörer bietet „Monoliths&Dimensions“ eine Herausforderung und eine tiefe Befriedigung, so viele Details gibt es hier zu entdecken. Läßt man sich aber einfach intuitiv auf diese Reise ein, gibt man sich ganz diesen Klangwelten hin, die Erfahrung könnte nicht schöner und beeindruckender sein. Nur Angst darf man keine haben vor der Macht, die diesem Album innewohnt. Tatsächlich sind Sunn O))) mit ihrem bislang neuesten Album der Musik nähergekommen als je zuvor, tatsächlich aber wächst das Album weit über alles hinaus, was man so im Pop/Rock-Zusammenhang Musik nennt.

www.ideologic.org
www.southernlord.com

Hydra Head Records, 2008

Es geschieht nicht allzu oft, daß mich eine neue Platte so richtig fies umhaut. Daß mir der Mund offensteht beim Hören, und daß ich nicht so recht glauben kann, was ich da höre. Daß ich trotz dieses Blogs hier, der mich eigentlich genau daran hindern sollte, absolut jedem von dieser Platte vorschwärme. Aber meine Güte, „Life … The Best Game In Town“ von Harvey Milk ist einfach unglaublich.

„Wenn dir“, so ein Freund dereinst zu mir, „sowas gefällt (und er meinte die Young Widows), dann hör dir doch mal Harvey Milk an. Die sollen auch so klingen.“ Ah, Harvey Milk, so heißt doch dieser Film über den gleichnamigen Politiker, blöder Name, so mein vorurteilender Kopf zu mir. Es dauerte deswegen auch erstmal eine Weile, bis ich mir die Band aus Athens, Georgia (die Heimstatt von R.E.M. und den B52’s), endlich anhörte. Genaugenommen auf dem Weg in den Urlaub, und man mag argumentieren, daß „Life … The Best Game In Town“ nicht unbedingt der beste Einstand in die schönsten Wochen des Jahres ist. Ich behaupte aber doch, denn so euphorisiert, wie mich diese Platte hinterlassen hat, konnte der Urlaub nur gut werden.

Über die Band Harvey Milk weiß das Internet besser Bescheid als ich, erstaunt war ich, als ich herausfand, daß es die Noise/Sludge-Combo bereits seit 1992 gibt, nicht so sehr erstaunt darüber, daß auf „Life …“ Joe Preston am Baß und an der Gitarre mitwirkt, den ich von den Melvins kenne. Sehr erstaunt wiederum war und bin ich über dieses einzige Album, das ich von Harvey Milk kenne.

Denn was mit einer ungemein friedlichen (und ungemein deprimierenden) kleinen Melodie zu cleaner Gitarre anfängt und über einen Weihnachtsabend erzählt, wird kurz darauf zu einem wirklich heftigen Schlag in die Fresse – ein Gitarrensound aus der Hölle, ein Gesang, der klingt, als ob Satan schlechte Laune hätte und seine Angestellten persönlich zusammenscheißt, und dabei ein Groove, vor dem die Melvins erblassen sollten, und ein Weltschmerz, dessen Intensität, Traurigkeit und Verzweiflung ob der Brachialität des Sounds erstaunt. „Death Goes To The Winner“ heißt dieser Opener, der im Grunde alles sagt, was es so zu sagen gibt, und der, nachdem er sich die ersten vier Minuten durch kompositorische Brillanz geprügelt hat, plötzlich auch noch unverschämt genug wird, die restlichen knapp vier Minuten des Songs auf einem Akkord zu beenden, zu dem ein „Solo“ weniger gespielt als aus der Gitarre herausgewrungen wird. Dazu gröhlt Sänger und Leonard-Cohen-Verehrer Creston Spiers irgendwann fast unverständlich, daß er auf den Tod warte, und zitiert dabei todessehnsüchtig „A Day In The Life“ von den Beatles (nur, daß Spiers sich keinen Kamm über den Kopf zieht, sondern sich eine Knarre an den Kopf hält). Und ganz am Ende, als man denkt, es geht nicht mehr, beschließt der mächtige, ironische, gänzlich fehlplazierte Pianoakkord der Beatles dieses aurale Fegefeuer. Und das ist erst der Anfang der Platte.

„Decades“ geht unvermindert brutal weiter, ein schleppendes Schlagzeug, Breitwandakkorde, Spiers, der barmt, er fühle sich „great“ (worauf die Gitarren absurd jubilieren), bevor die letzte Minute des Stücks in fast rockistischer Euphorie ausklingt.  „After All I’ve Done For You, This Is How You Repay Me?“ ist dann ein Stück atemloser, instrumentaler Mathcore, bevor in der Mitte des Songs ein Break alles runterbricht auf einen  einsamen Baß und später auf schiere, zähe, minimalistische Gewalt. In diesem Fahrwasser bewegt sich auch „Skull Socks And Rope Shoes“, das ebenfalls von seinen schweren Akkorden und Spiers völlig kaputter, sich überschlagender Stimme lebt, ein langsames Stück Sludge Metal mit übersteuertem Gitarrensolo und ultratrockenen Drums.

„We Destroy The Family“, ein Cover von Fear, hält, was sein optimistischer Titel verspricht, und jemand mit größeren psychischen Problemen könnte hier ein nahezu tanzbares Stück entdecken, mit schönem Chorgebrüll und einem solitären Gitarrensolo zu den hysterischen Drums. Und gerade, wenn man denkt, dieses Bombardement hinter sich zu haben, geht es grad wieder von vorne los. Und dann überraschen Harvey Milk einmal mehr: „Motown“ ist plötzlich ein hochmelodisches Stück Southern Rock mit einem schönen Gitarrenriff, einer fast harmonischen Stimme und einem echten Mitsingrefrain. Und wäre der Sound nicht dennoch einigermaßen brachial, man könnte fast ZZ Top heraushören aus der Gitarrenarbeit. In diesem Kontext allerdings bleibt der Song absurd, ein verzweifelter Glücksversuch inmitten tiefster Dunkelheit, und einfach ein irrsinnig gutes Lied.

„A Maelstrom Of Bad Decisions“ wiederum führt den Hörer zurück in die Dunkelheit und den Schmerz, zurück zum Mathcore, weg von den Breitwandakkorden zu Gitarrengefrickel, einem wilden Baß und einem wilderen Schlagzeug und einem völlig verzweifelt scheinenden Creston Spiers. Bevor es mit „Roses“ wieder absurd wird. Ein zarter, hilfloser, brüchiger Gesang zu Klavier und schöner Akustikgitarre, zu feinem Chorgesang, und man spürt die Hoffnung vor dem Zusammenbruch, der nach einer Minute auch prompt erfolgt. Allerdings scheint die Schönheit der Melodie trotz all den Verzerrern und trotz der zerstörten Stimme durch, ehe alles in zähen Metalriffs versinkt und sich dann doch weder in harmonischen leads bester Hardrock-Manier emporschwingt. Und wieder abstürzt. Und sich wieder emporschwingt, bis man trotz der Langsamkeit von „Roses“ atemlos zurückbleibt und in das schnelle Schweinerockstück „Barn Burner“ getreten wird, das von einem Herrn Andrew Prater gebrüllt wird.

Den Schluß bildet dann der über achtminütige „Goodbye Blues“, der nicht vom Fleck kommt, sich qualvoll von Akkord zu Akkord hangelt, bis er nach knapp drei Minuten plötzlich losgaloppiert, mit gefrickeltem Gitarrensolo und allem, was dazugehört, einen wieder runterbremst und so weiter, und Creston Spiers, dieser wohl faszinierendste „Sänger“, den ich seit langem gehört habe, brüllt sich dazu so dermaßen die Seele aus dem Leib, daß man seine Halsschmerzen förmlich selber kriegt, von all dem anderen Schmerz ganz zu schweigen.

Nein, fröhlich sind Harvey Milk nun nicht wirklich, aber ich habe selten eine so intensive Platte gehört, und noch seltener einen so aufrichtigen Sänger. Und obwohl Harvey Milk einen deutlichen Trademarksound haben, ist „Life …“ doch eine ungemein abwechslungsreiche Platte, die sich von Sludge Metal über Schweinerock zu Hardrock und zurück hangelt, ebenso voller Ideen wie voller zwingender Monotonie steckt und den Hörer ganz am Schluß, auf den letzten 45 Sekunden, nochmal kräftig mit dem „Looney Tunes Theme“ verarscht. Und man bleibt stehen, die Ohren rauschen, der Mund steht offen, man dreht sich um und fragt sich: Was habe ich da eben gehört? Und es wird einem bewußt: Wer so eine brachiale Platte mit so einem Ende macht und ihr dann auch noch ein so trashiges Cover gibt, ist doch irgendwie ein lustiger Mensch mit viel Humor und noch mehr Können. Harvey Milk sind eine geniale Band, das zeigt sich allein schon an diesem einen Album. Ich freue mich darauf, die restlichen Platten dieser Band zu entdecken.

www.harveymilktheband.com
www.myspace.com/harveymilk
www.hydrahead.com

Def Jam, 1986

Scheißtag gehabt. Heimgekommen. Erstmal auf den Sessel gehauen, „Reign In Blood“ aufgelegt, die 28 Minuten und 56 Sekunden lautstark durchgehört. Danach mit einem entspannten Lächeln zurück in die Welt.

Es ist erstaunlich, welche entspannende und therapeutische Wirkung diese seinerzeit schnellste und extremste Metalplatte haben kann, wenn man am liebsten irgendjemandem die Fresse einschlagen will, einfach so. Denn „Reign In Blood“, die dritte Veröffentlichung der großen Slayer, erledigt das für einen, und das auf ungemein befriedigende Weise. Kommt aus den Lautsprechern raus, springt dich an, haut zu, wieder und wieder, eine halbe Stunde lang, ohne Pause, und am Ende ist die miese Laune wie mit dem Sandstrahler wieder aus dem Hirn raus.

Damals, ungefähr 1989, als ich dieses Meisterwerk des Thrash Metal kennenlernte, traf mich die Platte genauso unvermindert, wie es zuvor der Musikwelt gegangen sein muß. Ein Freund gab mir „Reign In Blood“ auf Tape, auf der anderen Seite das Debut „Show No Mercy“ von 1983, und schon bald überspielte ich mir das Tape nochmal vorsorglich auf eine Zweitkassette, deren schlechtere Qualität ich dann mit meinem miesen Walkman zugrunde zu richten gedachte (tatsächlich vernichtet hat das Tape schlußendlich ein Lagerfeuer). Ehrfürchtig sprachen wir damals von diesem Album, wie es alle anderen Alben an die Wand klatschte mit seiner irren Geschwindigkeit, wie da musikalische und textliche Tabubrüche begangen wurden, wie geil die atonalen Gitarrensoli von Jeff Hannemann und Kerry King und wie cool Slayer ingesamt waren (so viel cooler als Metallica), Scheiße auch.

Das verbleibende erste Tape wurde im miesen Walkman rauf- und runtergenudelt, dann kam extremere Musik dazu, Terrorizer, Napalm Death, Bolt Thrower, Pitch Shifter, und dann mit den Suicidal Tendencies und D.R.I. eine erste Abkehr von der reinen Metallehre. Das einzige Slayeralbum, das auf CD noch hinzukam, war das damals gerade erscheinende „Seasons In The Abyss“ (1990), auch nicht schlecht. Irgendwann war das Tape dann futsch, neue Musik erschloß sich mir, und „Reign In Blood“ wurde zu einer dieser „Weißt du noch?“-Platten.

Vor zwei, drei Jahren dann erstand ich bei einem Trödler für wenig Geld eine kleine Handvoll Slayer-LPs, unter anderem „Reign In Blood“, und die Platte tauchte langsam wieder aus dem Nostalgiesumpf auf. Zuerst kurz nach Kauf, als ein Freund und ich ein paar Mädchen davon überzeugen mußten, daß Metal nicht nur blöd ist, sondern mitunter ziemlich brillant sein kann. Als Beispiel diente „Reign In Blood“. Es war schön, die Platte wieder zu entdecken, schön, die fast vergessenen Songs wieder zu hören, und die Geschwindigkeit, die Präzision und der schiere Druck der Musik waren noch immer atemberaubend. Aber eben auch Nostalgie.

Erst ein Umzug, der mich direkt neben eine Kirche führte, brachte „Reign In Blood“ wieder häufiger auf meinen Plattenteller (ein Schelm, wer Böses dabei denkt – naja, genaugenommen trifft genau dies zu: eine kriegerische Maßnahme gegen samstäglichen, unglaublich weichgespülten Christenpop, den mir die aufgeschlossene, moderne Gemeinde vis à vis sommers durchs offene Fenster säuselt), und die Nostalgie wich zusehends einer wachsenden Begeisterung für das Album.

Das fängt bei der Geschwindigkeit an (Sänger Tom Araya, so erzählt es ein Interview mit der Band, kam bei den im Studio plötzlich immer schneller werdenden Stücken mit den Texten manchmal kaum noch nach, was man vor allem bei „Necrophobic“ sehr schön hören kann) und macht bei diesem unglaublichen Sound weiter, den ich aus dem Metal (vor allem aus dem Death Metal der damaligen Zeit, der immer zu dünn klang) kaum kannte: ein rauher, dreckiger, aber doch irgendwie warmer Sound, der nichts mit der Sterilität manch anderer Metalsounds zu tun hat und wahrscheinlich nicht zuletzt Rick Rubin geschuldet ist, der sich seine Credibility bis dato bereits mit Run DMC und den Beastie Boys verdient hatte und der den Sound der Straße kannte (wenn mir dieses Klischee gestattet ist). Dann ist da der Gesang Arayas, auch dem Hardcore näher als dem Metal oder dem Hardrock, und Dave Lombardos brillantes Drumming, ich halte ihn immer noch für einen der besten – und sympathischsten – Schlagzeuger aller Zeiten. Und freilich Hannemann und King, die ein gutes Riff nach dem anderen spielen, brachial, schnell, gewaltig, aber dennoch oft mit erstaunlich viel Groove, um sich dann in irgendwie total bescheuerten Gitarrensoli zu verlieren, von denen man irgendwie jedes mit jedem anderen auf der Platte vertauschen könnte, und die inmitten der Riff-Gewitter irgendwie unweltlich wirken.

Und dann, das darf bei aller Ehrfurcht vor dem Sound, dem Druck und der Brachialität von „Reign In Blood“ nicht vergessen werden, sind die Songs auf der Platte unglaublich gut. Das fängt mit dem kontroversen „Angel Of Death“ an, dieses notorisch zitierte Lied über den KZ-Arzt Mengele, das Slayer so manchen Ärger eingebracht hat (hierzu bitte einfach das Internet konsultieren), bis hin zum Fast-Titelsong „Raining Blood“, dessen Anfangsriff Slayer wiederum zur Legende gemacht hat. Zwischendrin geht es um Mord und Totschlag, Angst vorm und Lust aufs Sterben, die Christen kriegen einmal kräftig Keile, Satan wird angebetet, und allerlei Ekligkeiten passieren.

Klar, das sind Teenie-Texte (die aber sprachlich ziemlich intelligent sind und schön viele Fremdwörter benutzen), aber die Musik dazu weiß genau, was sie tut und tun muß, um die Waage zwischen Metalgewichse („Necrophobic“, „Jesus Saves“) und Hardcore-Groove („Criminally Insane“, „Raining Blood“) zu halten, mit keinem einzigen unnötigen oder mittelmäßigen Song.

Damals, als Früh-Teenie, habe ich Slayer wahrscheinlich gar nicht richtig verstanden, sondern zu einem großen Teil nur gut gefunden, weil alle es gut fanden (und, ja, weil der Sound zugänglicher war als bei anderen Metalalben). Jetzt hingegen höre ich „Reign In Blood“ und bin, mittlerweile selbst seit zwei Jahrzehnten Gitarrist, beim Hören jedesmal atemlos, so brillant ist diese Platte. Und hinterher geht es mir wieder gut, egal wie scheiße der Tag war. Vielleicht muß man doch zum Superlativ greifen: „Reign In Blood“ ist die beste Metalplatte aller Zeiten. Fuck yeah.

www.slayer.net
www.defjam.com

Universal, 2008

Und nochmal Metallica, aber wer könnte sich dieser Veröffentlichung entziehen? Metallica sind ein Monster, eine Legende, ein Monolith, sind die Günter Grass des Metal, und wenn dieser ein neues Buch herausbringt, muß auch darüber geredet werden, ebenso wie wenn jene ein neues Album veröffentlichen. Zumal, wenn Rick Rubin produziert hat, der wohl vielseitigste und nach Phil Spector und Steve Albini legendärste Produzent der Rockgeschichte (namedropping gefällig? Da: Public Enemy, Slayer, Neil Diamond und freilich und am legendärsten die American Recordings, Johnny Cashs prima Comeback in fünf Teilen).

Also. Es ist im Vorfeld viel über das Album geredet worden, und sowieso über Metallica im allgemeinen (namedropping gefällig? Da: Napster, St. Anger, Rob Trujillo, Alkohol, der ziemlich gute Dokumentarfilm Some Kind of Monster von Joe Berlinger und Bruce Sinofski, restriktive Veröffentlichungspolitik, Fiesheit den Fans gegenüber etc.pp.), aber darüber soll hier einfach mal hinweggesehen werden. Mag Hetfield ein Arschloch sein und Ulrich ein Korinthenkacker, mir wurscht: Sie bleiben einfach schweinecool, wenn man sich so das Bandfoto vom auch großen Anton Corbijn anguckt. Und ein gewisses Arschlochtum macht diese Testosteron-Männermucke ja schließlich auch so geil, wie sie ist, oder?

Und jetzt ist „Death Magnetic“ da, und ich denke mir so insgeheim: Was für ein blöder Plattentitel, sogar noch blöder als „St. Anger“. Das Album ist in einer Milliarde unterschiedlich teuren Formaten erschienen (dazu bitte einfach die einschlägige Musikpresse konsultieren; am lustigsten finde ich die Version für Guitar Hero), ich habe mich für das billigste entschieden, die normale CD, und selbst hier ist das löchrige Booklet mit seinem in verschiedene Schwarzweißbilder eingearbeiteten Sarg bzw. Grab ein großer Spaß zum Angucken. Und mit lesbaren Texten hatten sie es ja eh nicht immer (siehe z.B. „Load“ von 1996, und hier fehlen dank der Löcher auch Teile). Aber angesichts von Texten wie „The End of the Line“ ist das auch nicht weiter schlimm.

Beim ersten Vorhören der Songs auf der Homepage von Metallica mußte ich ziemlich schmunzeln: Im Kopf hatte ich all die Vergleiche mit „Master of Puppets“ von 1986, die überall lanciert wurden, und die irgendwo gehörte Aussage, „Death Magnetic“ klänge wie ein „Master…“-Coverwettbewerb, schien sich zu bestätigen: klassische Metalriffs, Leadharmonien, und an so mancher Stelle meinte man, der junge Hetfield brüllt jetzt gleich „Master, Master“ oder „Blackened is the end“ los. Hmja. Metal halt, dachte ich so bei mir.

Aber jetzt genug geunkt: „Death Magnetic“ macht erstaunlich viel Spaß. Das Album rockt ziemlich los, erinnert mich tatsächlich im Opener „That Was Just Your Life“ oder in „Broken, Beat & Scared“ an „St. Anger“ (2003), allerdings nicht so derart brachial, also melodiöser, zugänglicher, mehr auf die alten Metal-Qualitäten bedacht (und das bedeutet halt mehr Weichheit als auf dem Vorgänger, ihr ollen Metalheads!). Sicher, „St. Anger“ hat mich mehr umgehauen, aber „Death Magnetic“ ist viel besser zum Am-Stück-Durchhören. Und es hat nicht wirklich etwas mit dem fürchterlichen Metalgepose der „Master…“ (ich verstehe nicht, wie alle Welt angesichts von „Kill’em All“ (1983) oder „Ride The Lightning“ (1984) bei diesem schlechten Album von Metallicas Meisterwerk reden kann) oder schlimmer noch dem Progrock-Getue der „…and Justice for All“ (1988) zu tun. Und das, obwohl nahezu alle Lieder an der Achtminutengrenze kratzen, teilweise ziemlich vertrackt sind und mit arg vielen verschiedenen Teilen hausieren gehen. Langweilig werden die Songs nicht (außer vielleicht den beiden zu kitschig geratenen Balladen „The Day That Never Comes“ (gräßliches Intro!) und „The Unforgiven III“ [sic!], das sich mit seinem Piano, seinen Synthiestreichern und seinem Bierernst schon arg weit aus dem Fenster lehnt. Aber wer würde von Metallica schon Selbstdistanz oder gar Selbstironie erwarten?), und den meisten merkt man ihre Länge nicht an.

Das Album hat jede Menge schöne Momente, die Disharmonien in „The Judas Kiss“, der donnernde Groove der ersten drei Stücke, Hetfields sehr schöner Gesang in den süßlichen Balladen, die plötzlichen 80er-Jahre-Gitarrenharmonien, die hier und da auftauchen (ganz besonders toll beim Instrumental „Suicide & Redemption“), all die düsteren Akustikintros, die einem die Hochzeit des Metal wieder ins Gedächtnis rufen, die für Metallica typischen WahWah-Soli, das Geholze einer-, die wirklich schönen Melodien andererseits, und die schöne Nostalgie, die einige der eigentlich immer guten Riffs herausfordern, weil sie halt doch sehr an alte Metallica-Alben erinnern.

Sicher, Metallica wühlen sich hier schon durch einige Klischees, und der Gedanke an eine Art paraphrasierte Werkschau ist auch nicht abwegig, innovativ (im Guten oder im Schlechten, darüber sollen sich die „echten“ Fans angesichts der Wandlungen zum guten Rock auf „Load“ auf der einen, zum brachialen Metalcore auf „St. Anger“ auf der anderen Seite streiten, ich mag beide Alben) ist hier nichts, aber die Scheibe rockt, hat einen sehr guten, druckvollen, trockenen aber dennoch nicht hohlen Sound (wobei ich die Kritik betreffs der Kompression und der daraus resultierenden Übersteuerung, die z.B. hier geäußert wird, teile), ist nicht langweilig, ist wunderbar humorlos und böse, klingt genau so sehr nach Früher wie nach Heute, und hat mit dem finalen Stück „My Apocalypse“ dann doch noch sein „Damage Inc.“ Aus dem anfänglichen „Ach je“ beim Kauf ist ein „Yeah“ beim Hören geworden. Was will man mehr?

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Music for Nations, 1984

Jetzt haben Metallica ihre ersten beiden Alben, „Kill ‚em All“ (1983) und „Ride The Lightning“ (1984) als Vinyl-Reissue herausgebracht, einmal in der normalen 12″-Version, und einmal als audiophile Doppel-7″. Ich konnte mir ein seliges Lächeln nicht verkneifen, als ich neulich auf die beiden 12″-Alben stieß, und einen Moment lang fühlte ich mich wieder jung.

Nicht, daß dieses Jungsein dereinst eine allzu freudige Sache gewesen wäre, aber gerade deshalb war „Ride The Lightning“, mein erster Kontakt mit Metallica, irgendwie passend. Es muß wohl ein Samstag gewesen sein, morgens um halb acht, denn wir saßen gerade im Physiksaal und warteten auf den Unterrichtsbeginn, als mein Schulkamerad (und zeitweiser Gitarrist in meinem ersten, kläglichen Gehversuch von Band) M. mir seinen Walkmankopfhörer gab (damals noch zwei Schaumgummiklumpen mit einem Drahtbügel) und diabolisch grinsend sagte: „Da, hör mal.“ Nach dem Akustikgitarrenintro, das den ersten Song von „Ride The Lightning“, „Fight Fire With Fire“, einleitet und für das ich M. ob dessen Kitsches (gespielt cool) verächtlich ansah, begann plötzlich der Heidenkrach der Becken von Lars Ulrich, gefolgt vom härtesten und finstersten Riff, das ich bis dato gehört hatte.

Wahrscheinlich machte ich große Augen, wahrscheinlich hatte ich eine Gänsehaut, und wahrscheinlich grinste mich M. süffisant und voller Triumph an. Uff, das war irgendwie zuviel für einen Samstagmorgen, an dem noch eine Doppelstunde Physik vor mir lag. Natürlich spielte ich den Coolen und gab M. den Kopfhörer mit anerkennenden Gesten und Worten zurück, doch war es weniger das Bahnbrechende an dieser musikalischen Entdeckung, das mir eine Gänsehaut verursachte. Mir machte diese Musik erstmal schlicht Angst.

Aber man mußte ja sein Gesicht wahren, also lief ich gleich nach der Schule in den örtlichen Plattenladen und besorgte mir das Album. Fasziniert hielt ich die Platte in der Hand, als ich wieder zuhause war. Diese Ästhetik war neu für mich: Das zwischen finster dräuend und hell leuchtend changierende Blau des Covers, durchzogen von den obligatorischen Blitzen (die bei heutigem Hinsehen eher billig und vielleicht schon peinlich wirken, eher wie ein Airbrush-Painting auf einer Motorhaube), und der frei schwebende elektrische Stuhl in der Mitte, der an einigen wenigen Stellen – ein cleverer Schachzug des Malers – nicht mehr metallisch Blau ist, sondern irgendwie eklig befleckt oder rostig ausschaut, eröffneten mir Welten, die ich mir von meinen Amigaspielen nur wünschen konnte.

Überhaupt, die Bilder der Band: Jungs wie du und ich, in Jeans und T-Shirt, mit langen Haaren, eingebettet in diese grafische und akustische Monumentalität – wow. Besonders faszinierend waren die Fotos auf dem Innersleeve, in grobkörnigem Schwarzweiß, und vor allem die wirklich dreckigen Socken von Kirk Hammett zeugten vom Geist echten Metals. Aber unterm Strich war es doch dieses plastische Blau, das mich gefangennahm.

Und dann die Musik, freilich: Vorher kannte ich Manowar und Kingdom Come, sprich: Micky Maus in Lack und Leder und bekiffte, drittklassige Led Zeppelin-Epigonen (und nur Led Zeppelin selbst konnten all die Jahre bestehen). Und jetzt dieses finstere Eingangsriff, dieser wuchtige Sound, diese überraschend komplexen Breaks, diese Geschwindigkeit, und über allem James Hetfields Gesang, der von ehrlicher Verzweiflung geprägt war, von ehrlicher Wut, fern jeder Affektiertheit, die z.B. Manowar anhaftete. Ein junger Mann, der sich die Seele aus dem Leib schrie, von seiner Angst zu sterben sang (wer will, kann den Titelsong als gesellschaftskritisches Statement gegen die Todesstrafe auffassen – ein Realismus, der Manowar ja völlig abging und -geht), und seine Lebensmüdigkeit und Traurigkeit in „Fade To Black“ so wunderbar in Klang fasste, dabei aber nicht aufgab, sondern am Ende in rasenden Zorn ausbrach. Mit „For Whom The Bell Tolls“ hörte ich die erste Metalhymne meines Lebens, die mir selbst heute noch keine Schamesröte ins Gesicht treibt, ich verstand zum ersten Mal, was Groove und Härte bedeuten konnten. Und diese Natürlichkeit nahm mir dann auch die Angst vor dieser damals unglaublichen Härte.

Natürlich war ich damals noch jung, Carcass lagen noch weit vor mir, und Industrial noch sehr viel weiter, und daher war ich dankbar für den Popappeal Metallicas, für die schönen Melodien, gerade von „Fade To Black“, aber auch von „Escape“, eigentlich ein echter melodischer Hardrocksong, nur in schwererem Gewand. Das verhinderte die Überforderung, die Carcass später ersteinmal bedeuteten, das verstärkte die Menschlichkeit, die street credibility, die Natürlichkeit Metallicas, von der auch die Fotos zeugten.

Mit diesem Album begann für mich das Ende des Fantasy-Metals von Manowar, das Ende des Kitschs in der harten Musik, begann ich zu unterscheiden zwischen Authentizität und Gepose. Und Guns N‘ Roses konnten später nur deswegen bestehen, weil sie eine ähnliche Authentizität besaßen wie eben Metallica.

Spricht man mit Metallica-Fans, dann belegt „Ride The Lightning“ eher einen der hinteren Plätze in der Beliebtheitsskala. „Master Of Puppets“ (1986) und besagtes „Kill ‚em All“ belegen die ersten Plätze, und auch ich höre mittlerweile am liebsten das bei echten Metalheads weitgehend abgelehnte Album „Load“ von 1996. Doch gehört das Anfangsriff von „Fight Fire With Fire“ auch heute noch zum Härtesten, das es gibt – und nichtmal Slayer, die damals irgendwie alle überholt haben, kommen da ran -, gehören „Fade To Black“ und „Escape“ mit zum Ergreifendsten, und gehört Cliff Burtons Baß in „The Call Of Ktulu“ mit zum Brillantesten in der Rockmusik.

Als erstes Album, das ich von Metallica besaß, und als das mit den schönsten Farben auf dem Cover, und nicht zuletzt als das, das „For Whom The Bell Tolls“ beherbergt, wird mir diese Platte immer die liebste von Metallica bleiben, und wer sie noch nicht hat, soll sich jetzt das Reissue kaufen, aber bitte auf 12″, denn nur da entfaltet das Cover seine Wirkung, die besser ist als jedes Amiga-Adventure.

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