scottO

4AD, 2014

Eine lange Zeit ohne Eintrag hier in diesem kleinen Blog. Das neue Leben mit frischem Kind, altem Job, ausgefüllten Tagen allgemein, es bleibt mir leider kaum mehr Zeit, Musik zu hören, geschweige denn, hier drüber zu schreiben, obschon es jede Menge Platten gibt, die hoffentlich noch ihren Weg hierher finden (genannt seien z.B. die neuen Scheiben der Dos Hermanos, von Lustmord, Current 93, London Grammar oder Bonnie „Prince“ Billy).

Jetzt aber muß ich doch ein paar schnelle Worte verlieren über, naja, die wahrscheinlich absurdeste Platte, die ich seit langem gehört habe. Ob das Lob oder Tadel ist, weiß ich selbst noch nicht so genau, aber was Scott Walker hier mit Sunn O))) als Begleitband aufgenommen hat, ist dann doch erstaunlich.

Details über „Soused“ finden sich überall im Internet und sogar in den Feuilletons, ich muß hier über die nicht so sehr erstaunliche Kooperation genauso wenig Worte verlieren wie über Walkers Entwicklung vom 60er-Jahre-Schnulzensänger zum experimentellen Klangkünstler oder Sunn O)))s Ausnahmestellung im Metal. Aber als ich „Soused“ gestern Abend zum ersten Mal aufgelegt habe (ich habe mir die wunderschöne Doppel-LP im aufwendigen Klappcover gegönnt), war ich erstaunt, überrumpelt, beeindruckt, verängstigt und höchst amüsiert zugleich. Sunn O))) höre ich ja nun schon seit einiger Zeit gern, und auf Scott Walker war ich, nach allem, was ich über seine letzten Alben „The Drift“ (2006) oder „Bish Bosch“ (2012), an die ich mich bislang nicht so recht rantraue, gelesen habe, recht neugierig.

Gekauft habe ich mir „Soused“ nun allerdings als Sunn O)))-Platte, und hier kommt gleich die erste Enttäuschung: „Soused“ ist offenbar durch und durch ein Album von Scott Walker, er hat alle Songs geschrieben (einen Moment lang war ich eben versucht, „Songs“ in Anführungszeichen zu schreiben) und offenbar auch kräftig den Daumen auf allem gehalten. Was ich an Sunn O))) so liebe, diese massiven, überwältigenden, alles überrollenden Klangwände, ist auf ein Hintergrunddröhnen reduziert, im Vordergrund steht Walkers Stimme, und hier komme ich zum lustigen Teil der Platte. Denn Walkers Tenor ist sowas von manieriert, expressiv, gekünstelt, daß ich an mehreren Stellen wirklich laut lachen mußte. Allerdings ist dieses Gekünstelte auch so oft jenseits der Grenzen des Irrsinns, daß es wiederum eigentlich hervorragend zu den düsteren Klanggemälden paßt, die Sunn O))) und ihre Mitstreiter hier für Scott Walkers Kompositionen malen, und die von Peitschenhieben über Lynyrd-Skynyrd-Gitarren, den typischen Drones bis hin zu beunruhigenden Störgeräuschen von Gitarre, Trompete und Synthesizern und Zitaten von William Byrd reichen.

Ein weiterer irritierender Aspekt ist die Tatsache, daß die Songs bei allem Einfallsreichtum, bei all den zahllosen Geräuschen seltsam skelettiert wirken, unfertig und zugleich fast schon diktatorisch im Zaum gehalten. Es wirkt, als ob die einzelnen Ebenen eher nach- als miteinander gespielt würden, als ob Walkers Texte und seine seltsame Stimme allen Raum einfordern würden, und jedem Teil eines Songs immer nur eine bestimmte Klangfarbe zustehen würde. Diese Farben sind freilich allesamt so schwarz wie das Artwork der Platte, aber anders als dem Artwork wohnt Walkers Gesang und seinen Kompositionen eine Art vitaler Wahnsinn inne, den ich immer noch nicht so ganz kapiert habe.

Deswegen kann ich auch noch gar nicht viel über die Songs selbst sagen, außer daß ich diesen Begriff immer noch gern in Anführungszeichen setzen würde, scheinen sie doch eher Sammlungen von Walkers Melodiefragmenten als echte Songs zu sein, was aber, siehe vor allem „Herod 2014“, so auch nicht zutrifft. Die Kompositionen haben durchaus fast schon klassische Songstrukturen (gerade, wenn man von Bands wie Sunn O))) ausgeht), diese Strukturen sind aber so dermaßen auseinandergezerrt, ausgebremst, verbogen und pervertiert, daß es nur so eine Freude ist. Wobei mich doch immer wieder der Verdacht beschleicht, die Kompositionen sind simpler gestrickt als die Details der Melodieführungen und der Störgeräusche.

Ist „Soused“ denn nun eine gute Platte? Ich habe keine Ahnung. Fehlt mir ein stärkerer Einfluß von Sunn O)))? Auf jeden Fall. Kann ich Scott Walker ernstnehmen? Nicht so richtig. Bin ich beeindruckt von „Soused“? Auf jeden Fall. Und mag ich das Album nun? Definitiv ja, und sei es nur deswegen, weil ich immer noch grinsen muß und höchst amüsiert bin, trotz fiesem Schnupfen und schlechtem TV-Programm, und mich drauf freue, morgen nochmal „Bull“ oder „Herod 2014“ anzuhören.

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