GF039 Landlergschwister - Honky Tonkin'

Gutfeeling Records 2013

Na toll. Da richte ich es mir angesichts des kommenden Winters gerade schön gemütlich ein mit menschenfeindlicher, solipsistischer, gefühlskalter Musik zwischen Grindcore, Drone, Dark Ambient, Klassik und tristen anglo-amerikanischen Liedermachern, und plötzlich kommt die neue Platte von G.Rag & den Landlergschwistern ums Eck, und vorbei ist es mit der Trübnis, vorbei mit dem grimmigen Nach-draußen-in-den-Regen-Starren, vorbei mit der schlechten Laune und dem Menschenhass. Mist auch.

Und nein, ich versuche erst gar nicht, mich gegen diese Platte zu wehren, so gern ich es aus Gründen misanthropischer Klischees auch täte, denn es braucht echt nur ein paar Sekunden, und schon packt einen dieses wunderliche Münchner Blasorchester mit Extras am Schopf. Nur diese solitäre Trompete braucht es zu Beginn von „Honky Tonkin'“, und ich bin verloren. Und nanu, denke ich, während eine zweite Trompete dazukommt, habe ich hier versehentlich eine Platte der Hermanos Patchekos aufliegen? Nein, spätestens Tuba und Klarinetten machen klar, das hier sind die Landlergschwister, und irgendwo liegt es ja auch nahe: Das volksmusikalische Derivat des Münchner Carribean Trash Orchestras verneigt sich vor seiner ursprünglichen Band, aus der es schließlich auch weitgehend sein Personal rekrutiert.

Ganz tief in die Schwüle Mexikos und auf die falsche Fährte führt einen das Eröffnungsstück „Niente Hoss“, denn schon der „Fischer-2-Facha“ ist ein Zwiefacher, wie er im Buche steht. Sind wir damit also doch bei der volkstümlichen Musik angelangt, die ja grad mit allerlei anderer Volkstümelei, dem Oktoberfest und dem Fußball-Schland wieder total en vogue ist? Gottseidank nicht, wie uns das Presseinfo zur Platte versichert: „Die Volksmusik wird wie eh und je instrumentalisiert, nur unter neuen Vorzeichen. Heimatwahnsinn und -tümelei werden weiter zelebriert. Raus aus dem Stadl, rein in den Stadl. Liebesgrüße aus der Laptop-Lederhose,  ist schon klar …“ Dagegen wehren sich die Landlergschwister, die aus dem Geiste des Hardcore kommen und die unter Volksmusik das verstehen, was man weltweit eben noch versteht, wenn man bereits glücklich unterm Tisch liegt: keine Volks- und Nationaltümelei nämlich, sondern „ehrliche“ und „authentische“ Musik, auch wenn man freilich diese Begriffe nicht mehr ohne Anführungszeichen und dafür nur noch mit allergrößter Vorsicht verwenden kann. „Volk“ nicht im Sinne von Nation, sondern von grenzüberschreitender Verbundenheit der Menschen. Am ehesten also Musik für den lustigen Klassenkampf gegen das Establishment.

Drum ist auch der titelgebende und obligatorische Hank Williams mit „Honky Tonkin'“ nicht nur vertreten, sondern auch völlig richtig am Platz, der mit dem G.Rag-typischen Megaphongesang aufwartet und sowohl den Blasmusik- wie auch den Western- und Rockabilly-Freund zum mitswingen verführt. Und gleich drauf gibt’s den Dämpfer, „Bartholomew“ ist ein New-Orelans-hafter Trauermarsch (bei dem Notwists Micha Acher seine Finger im Spiel hatte), der einen doch richtig tief in die Herbstdepression treten könnte, wäre er nicht so wundervoll schwärmerisch, warmherzig, menschlich. Und dann kommt auch schon die nächste Überraschung: Relle Büst aka Parasyte Woman darf vom Föhnwind singen und jodeln, und was eigentlich auch wieder Volksmusik wäre, klingt nebenbei durch den Megaphongesang und die schöne Slidegitarre wie aus einem Transistorradio im fernen Westen am frühen Morgen bei der ersten Tasse Kaffee. Wie schön!

Immer wieder werden die klassischen Elemente der bayrischen Blasmusik unterlaufen durch Genrefremdes, aber eben durch im Geiste Verwandtes, sei es die verzerrte Gitarre in „Boogie Krainer“, sei es das Banjo in „Valentin 30/31“, oder aber umgekehrt: Genrefremdes wird „landlerfiziert“, wie das wunderbare „Odessa“ von Caribou, mit dem sich G.Rag und seine Musikantinnen und Musikanten nach Punk, Hardcore und Country am Indiepop versuchen, und wenn die Indiediskos dieser Welt nur ein bisserl cool sind, wird dieser Song künftig samstags auf Studentenparties gespielt.

„Johanna“ dann klingt wie eine Filmmusik von Tom Waits, und „Kaw Liga“ von Hank Williams ist ein wirklich perfekter Crossover: Was als trister Country Waltz anfängt, wird im Refrain zu einem fröhlichen bajuwarischen Tänzchen, und wieder zurück, und wieder hin und her. Und abschließen darf das Album dann eine Hommage an den großen Stenz Münchens: „Monaco Franze“ ist die Titelmusik aus der gleichnamigen Serie mit dem großen, verstorbenen Helmut Fischer und ein feiner, angemessener Schlußpunkt.

Ja mei, was soll ich sagen? Meiner bescheidenen Meinung nach ist den Landlergschwistern mit ihren vielen Gästen vom Niederbayrischen Musikantenstammtisch bis hin zu The Notwist ihr bestes Album gelungen. Nicht, weil die anderen beiden Platten schlechter wären – auf „Honky Tonkin'“ funktioniert aber der Crossover der Volksmusiken am besten. Das Album mäandert bruchlos zwischen Blasmusik, Country, Pop, Mariachi und vielem mehr, ist die praktische und leichthändige Umsetzung der in der Theorie oft so schwierigen Völkerverständigung. Aber zu dieser braucht es halt nicht unbedingt Politik und Theorie und all das, sondern manchmal einfach nur gute Lieder, einen verwegenen Haufen von Musikern und ein Glaserl Bier oder zwei.

www.gutfeeling.de

Gutfeeling/Trikont 2012 / Gutfeeling/Red Can Records 2012

Und nochmal Gutfeeling, diesmal im Doppelpack, und zwar sind gerade zwei Bands abwechselnd auf meinem Plattenteller, die auf’s erste Hören unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber dann doch mehr miteinander gemein haben als man denken sollte, und deren Vinyl nicht zu Unrecht auf Gutfeeling erscheint. Kofelgschroa und Hummmel (ja, mit drei „m“) heißen die beiden Bands, Erstere ist irgendwie der bayrischen Volksmusik verpflichtet und bringt ihre CD folgerichtig bei Trikont raus, Letztere kommt hörbar aus dem Hardcore/Punk und macht minimalistischen Electro-Noiserock auf Red Can Records in Kooperation mit Gutfeeling in ungewöhnlicher Zwei-Mann-Besetzung.

Verpackt sind beide Platten wiedereinmal ungemein liebevoll mit Siebdruckcover, Einlagen (Kofelgschroa)  bzw. kleinen plüschigen Aufklebern auf der Innenhülle, die man durch zwei Löcher im Cover streicheln kann (Hummmel), und ein Downloadcode für den mp3-Player liegt auch bei. Da muß man aber bei Gutfeeling eh nicht mehr viele Worte verlieren. Zu den beiden Bands allerdings schon.

Kofelgschroa, vier Jungs aus Oberammergau, soviel prognostiziere ich jetzt schonmal, haben das Zeug, größer zu werden. Und das nicht nur, weil sie das schon seit einiger Zeit andauernde Volksmusik-Dekonstruktions-Revival bedienen, das (sage ich mit zugegebenermaßen nicht allzu viel Sachkenntnis) mit Attwenger, Stimmhorn und ähnlichen Bands schon vor einiger Zeit begonnen hat, dank der etwas exotischeren Volksmusik des Balkanbeat populär wurde und nun einiges an neuer Volksmusik gebiert, so wie auch die hier bereits besprochenen Landlergschwister. Dieser Exotismus ist zur Zeit zwar hilfreich, um bei einem größeren Publikum Aufmerksamkeit zu erlangen, ist aber die geringste Tugend von Kofelgschroa.

Ganz ähnlich wie Hummmel arbeiten Kofelgschroa, das fällt zuerst auf, in Schleifen. Da werden die drei klassischen Akkorde schonmal über Minuten repetiert, und ein Lied kann auch schonmal nur aus einer Textzeile bestehen (wie das Eröffnungsstück „Sog ned“), die Melodien der Bläser und des Akkordeons umspielen sich minimal variierend, und während sich diese einfachen Lieder langsam in ihre Überlängen hineinschrauben, merkt man irgendwann, wie schön sie sind. Und mit „schön“ meine ich wirklich schön. Obwohl Kofelgrschoa oft beherzt schief klingen, wacklig, eiernd, sind ihre einfachen Lieder von einer wunderbaren Harmonieseligkeit. Und das Schiefe, Wacklige rettet zusammen mit dem instrumentalen Bierstubenminimalismus diese tollen Melodien, diese schönen Harmonien (des Gesangs wie der Instrumente) davor, kitschig zu sein. Und, das erstaunt nach dem dadaistischen, fröhlichen und durchaus albernen Eröffnungsstück, melancholisch sind Kofelgschroa, wie dann bereits das zweite Stück „Eintagesseminar“ und sein Abgesang am Schluß des Stückes fatalistisch beweist: „Abwärts geht’s ganz alloa, kaaner braucht irgendetwas dafür doa.“

Seite eins beendet dann mein erklärtes Lieblingsstück, das „Schlaflied“, in dem zu Mollakkorden darüber sinniert wird, wer wie am besten wo und wann schläft oder auch nicht, bis dann plötzlich der Refrain einsetzt, auf eine kleine, müde Weise jubilierend, und Sänger Maximilian Paul Pongratz seuzft erst allein, dann begleitet von seiner Band: „Und die Augen so schwaar wia a Sackerl Zement, wo is a Wiesn wo i mi hinlegn könnt“. Wie wundervoll!

Überhaupt, die Müdigkeit, die Ruhe, die Freude: „Die Melancholie, die Traurigkeit, die Müdigkeit, ein Lebensgefühl von Freude und Dankbarkeit, Szenen und Beobachtungen versuchen wir in unseren Liedern, in unserem Auftreten und in den Videos zu vereinen. Das leicht Endlose und die Lust auf Ekstase entdecken wir immer wieder neu. Es geht um Freud und Leid, um Einsamkeit oder pure Zufriedenheit und überdruckventilische Ausschüttung.“ Es geht den vier Jungs aus Oberammergau also einfach um die reine Freude an der Musik, die man im etwas ungelenkten Jodeln von „Jäh I Di“ ebenso unbändig heraushört wie aus dem pumpenden „Wann I“, das in seinem Intro schier bei den schrägen Jazztönen landet, die man manchmal bei Tom Waits hört.

„Sofia“ und „Oropax“ sind dann eigentlich einfach schöne Popsongs, und hier wird klar, wo der Unterschied zwischen Attwenger und Kofelgschroa liegt: Machen Erstere tatsächlich Tanzmusik, geht es Letzteren eben auch um den Song an sich, um die schöne Melodie, die schöne Harmonie, das einfache kleine Lied. Und das ist gut so, denn das können die vier Buben: richtig schöne Lieder schreiben.

„14 Dog“ greift dann tief in die Chanson-Kiste und ist erstaunlich traurig. „Wäsche“ erinnert an die Liedermacher der 70er, nur ohne deren moralischen Gestus, vielmehr feiert das Lied die Schönheit des Alltäglichen, die sich dann auftut, wenn man nur genau hinschaut. „Luise“ führt einen dann erstmal ganz kurz hinters Licht, man meint, endlich im bayrischen Biergarten angekommen zu sein, würde das Lied nicht mit dem dritten Akkord wieder in diesem wundervollen Moll ankommen, mit dem Kofelgschroa mit immer wieder das Herz zu brechen verstehen. Hier bleibt auch „Verlängerung“, das sich mit der Melancholie der Existenz befasst, mit genauem Blick auf die Details des Alltags und dem unbedingten Wunsch, in dieser banalen, wunderschönen Welt noch eine ganze Weile bleiben zu dürfen. Und dabei werden sie so märchenhaft schwelgerisch wie Joanna Newsom, käme sie aus Bayern. So könnte die Platte dann aufhören und einen in einer wohligen Traurigkeit zurücklassen, aber Kofelgschroa möchten uns am Ende halt doch fröhlich machen und hauen mit „Oberammergau“ noch eine letzte Portion Wortsalat raus, verorten sich zum Schluß noch einmal deutlich in Bayern, lassen die Instrumente aber nochmal in die Ferne schweifen, Runden drehen, und plötzlich ist’s aus.

Wie fies nimmt sich dagegen Hummmels Eröffnungsstück aus: „guten morgen“ heißt es, und sollte man sich nach Kofelgschroa jetzt erhoffen, nett geweckt zu werden, hauen einem die beiden Insekten eine handvoll Wecker um die Ohren, die erbarmungslos ticken und den Rhythmus vorgeben, ehe „hinundher“ als Standortbestimmung die Richtung vorgibt: „wir sind hummmel und wir brummmeln heiter hin und her!“ Na, heiter geht anders, aber wach wird man von diesem kleinen Stückerl Noiserock aus Schlagzeug und Baß. „weck die“ ist dann die unbedingte Aufforderung, mitzumachen: „entdecke den brummm, entdecke den stock, die flauschige seite in dir“. Als würden DAF ihre flauschige Seite entdecken. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft kann man auch aus „beweg dich“ herauslesen, „tanz die hummmel“ sozusagen, mit Schlagzeug, fettem Baß, einem bisserl Moog und handclaps. Und kaum, daß man mit dem Tanzen angefangen hat, ist das Lied wieder vorbei. „für dich“ ist dann zäh wie teer und geht dann plötzlich dreimal so lang wie die anderen Lieder.

Eine gewisse Zähheit – und das ist ein Kompliment! – ist ohnehin konstitutiv für Hummmel, und hier kommen wir auf die Schleifenformen der Musik zurück, die auch Kofelgschroa prominent einsetzen. Sind diese Schleifen bei Kofelgschroa aber beruhigend und meditativ, so sind sie bei Hummmel quälend, gemein, hirnfickend, aber ziemlich zwingend. Und während man bei Kofelgschroa die elektronische Musik eher aus dem Strukturellen herauslesen muß, greifen Hummmel offensiv darauf zurück, bei „die zwei“ zum Beispiel, zwar immer noch handgemachte Musik, die aber problemlos in einem etwas stiloffeneren Club laufen könnte und nach Remixen schreit. Überraschend dann „um mich herum“ mit einer fast typischen Gutfeeling-Gitarrenmelodie, die aber von einem Baß kommt, und wäre der Rhythmus nicht militärisch und stramm, sondern lateinamerikanisch, das Lied könnte sich auch bei den Hermanos Patchekos verstecken.

Ein bisserl albern fängt die zweite Seite an, mit einer zitierten Melodie (jetzt müsste man halt wissen, woher…), ehe man von „du brauchst“ kräftig auf die Fresse kriegt, über vier Minuten lang. Ein schwerer Beat vom Schlagzeug, ein dreckig verzerrter Moog, dann das psychotische Versprechen, man selbst brauche „hummmel mehr als hummmel dich“, und man möchte da jetzt lieber nicht widersprechen. „paani“ dann instrumentaler (oder zumindest textloser) Punkrock, klassisch fast, nur halt ohne Gitarre. „lieblingsinsekt“ beginnt, als ob Trio „Da Da Da“ durch die Noiserock-Maschine gejagt hätten, und geht weiter als wahrscheinlich konventionellstes Lied auf der Platte – ein echter Indiehit, hätten Indiediskotheken Geschmack, inklusive „Uuuiiiuuuiii“-Mitsingteil, der so richtig abgeht, wie man sagt. „meine blüte“ zitiert dann frech und unverhohlen „My Sharona“ von The Knack und holt es in den minimalistischen Lärm-Kosmos von Hummmel, eine Coverversion der eigenen Art, meine Herrn, wie gut ist das denn? „unterwegs“ klingt dann wieder irgendwie bedrohlich, ein bißchen hämisch, so, als ob man mit den beiden Hummmeln lieber doch nicht unterwegs sein will, und „wir brummmen“ ist dann nochmal eine letzte Standortbestimmung: „wir spielen nicht, wir verzeihen nicht“.

Hummmel feiern also sowohl textlich als auch musikalisch einen fiesen Minimalismus, und wo die Texte süß sind, ist die Musik fies, und wo die Texte fies werden, bleibt das auch die Musik. Das Ganze findet grundsätzlich eher in höherer Geschwindigkeit statt und ist sowohl dem Punkrock als auch elektronischer Tanzmusik verpflichtet, manchmal hört man ein bißchen EBM raus, manchmal ein auch bißchen Egotronic. Spaß machen Hummmel allemal, wenn auch ein bißchen Angst.

Interessant ist, wie sich hier zwei Bands mit völlig unterschiedlichem Sound aus zwei völlig gegensätzlichen Richtungen der Idee der repetitiven Strukturen in der Musik nähern, ohne dabei den klassischen Song aus den Augen zu verlieren, wie beide Bands textlich gern dadaistisch sind, Kofelgschroa dabei mehr auf Inhalte achten, Hummmel die Texte völlig der leicht psychotischen Musik und dem Konzept der wahnsinnigen Insekten unterordnen, wie beide Bands über den Umweg desselben musikalischen Stilmittels – die Übertragung der Strukturen elektronischer in handgemachte Musik – zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Ist das Repetitive bei Kofelgschroa eher entspannt melancholisch, das Ende des Sommers, das man draußen auf dem Land mit ein paar Freunden am Lagerfeuer feiert, zerren einen Hummmel in einen engen, dreckigen Kellerclub, in dem Schweiß und Fäuste fliegen, aber auch eben noch eine Vernissage war.

Vielleicht, wahrscheinlich können die Fans der einen Platte nichts mit der anderen anfangen, andererseits sind beide Platten nicht umsonst auf dem Label der „Freunde selbstgemachter Unterhaltung“ erschienen – genresprengend, experimentell, gewagt, widersprüchlich, wunderschön, laut und ziemlich prima.

kofelgschroa.by
www.hummmel.com
www.gutfeeling.de
trikont.de
www.red-can.com

Gutfeeling, 2008

Ach herrje, dachte ich, als ich heute vormittag nach dem Aufstehen in einer Mußephase die schöne 12″ von G.Rag und den Landlergschwistern in die Hand nahm, lächelnd an das Konzert der Hermanos Patchekos – sind es komplett dieselben Musiker? Eine leicht modifizierte Besetzung? Jedenfalls auch mit G.Rag als Vorsteher – gestern Abend dachte und dabei meine Finger über die rauhe Plattenhülle gleiten ließ, umweltschützend, recycled, ein haptisches Vergnügen für den Sammler und, wie alle Platten aus dem Münchner Hause Gutfeeling, allein schon zum Angucken und -fassen einfach schön.

Und so ein bißchen hatte ich eine Ahnung von dem, was kommen würde, zog sich Bavarisch-Folkloristisches doch schon durch den Calypso-Folk-Trash von gestern Abend, allerdings nur in Ansätzen, als – zugegeben verdächtig fingerfertiger – Lacher zwischendurch. Und natürlich war mir klar, daß die Landlergschwister nicht wie die Hermanos Patchekos klingen würden, das steckt ja schon im Namen, und weil jene sich auf dem Terrain besagten Calypso-Folk-Trashs mit viel Kenntnis, Respekt und Leidenschaft umtun, hätte man sich ja denken können, daß diese mit bayrischer Folklore…

Ich bin dennoch erschrocken, als aus meinen Lautsprechern plötzlich weißblaue Blasmusi erklang, und weil ich in der Wohnung unterwegs war, auch noch entsprechend laut, damit ich’s auch im Bad noch hören konnte, und jeder, der vorbei lief, auch auf der Straße. Ach herrje, wie authentisch! Wie, hmja, bierselig, weißwurschtselig, breznselig. Auf einmal konnte ich mir vorstellen, wie sich K. damals gefühlt hat, als ich ihr ihre erste Alt.Country-Kassette aufgenommen und gleich mit dem sehr bluegrasslastigen „Picture on my mind“ von Freakwater angefangen habe – sehr wohl wissend, was ich da tat! -, und sie sich zuerst wohl ziemlich dafür geschämt hat. Mir trötete heute beim Eröffnungsstück „Amalie“ ein Orchester aus Tuba, Trompeten, Hörnern und Akkordeon entgegen, als ob ich im Bierzelt sitzen würde. Wie peinlich. Wie hinterwäldlerisch. Wie … beseelt! Wie seligmachend! Und hey, plötzlich ein ungewöhnlicher Break im zweiten Stück „Hoitsn auf!“. Und dann Südstaatenschwermut par excellence: Die Landlergschwister spielen Hank Williams und stecken ihn tief ins Mississippi-Delta, mit schrägen Bläsern, einem desolaten Banjo und G.Rags typischem Gesang durchs Megaphon.

Die zweite Seite beginnt dann wiederum ziemlich unbayrisch, nämlich mit dem Südstaatenfunk von „Kommissar Schmelz“, und wo „Xaver Reloaded“ dann wieder sehr blauweiß wird, entwickelt sich plötzlich das genrefremde Banjo teilweise zum tragenden Instrument, die Tuba klingt allzu schräg, und die Restbläser ergehen sich in unheimlich schönen Harmonien, bevor die „Juli Polka“ wieder unterm, naja, Maibaum landet.

Ist es jetzt Volksmusik, oder Folkmusic, oder Folklore? Verwendet man die Ironie der Landlergschwister gegen sie, dann ist es volkstümliche Musik, von großkopferten Studierten aufgegriffen, in neue Kontexte gestellt, ausgeschlachtet, eine Travestie, ein böser Scherz mit der Saufmusik des einfachen Volkes. Aber, nein, so ist es nicht. Ironie? Ja, schon. Aber gleichzeitig so dermaßen viel Herzblut, Leidenschaft, Spielfreude, daß man merkt: Hier nimmt jemand die Musik ernst, ohne sie bierernst zu nehmen. Punk in dem Sinne, in dem auch Guggenmusik aus der Schweiz Punk ist: nämlich aufrichtig, voller Freude, und druff g’schissen, was irgendwer dazu sagt, ob’s der Obercoole zu uncool findet oder der Musikantenstadlfuzzi zu lärmig.

Ich zitiere die Homepage von Gutfeeling: „Nichts weniger als den versauten Ruf Bayerischer Folklore wiederherzustellen ist das Ziel eines weiteren G.Rag-Spin-Offs: G.Rag und die Landlergschwister spielen Landler, Zwiefache, Gstanzln und Wirtshausklassiker, so wie sie sich gehören, rau, schräg, mit/ohne megaphone und laut. Eine Watsch’n für alldiejenigen Verbrecher, die diese Musik wie eine todgeweihte Sau durch die Dörfer einer virtuellen Fernseh-Voralpenidylle treiben.“ Die Landlergschwister in aufrechter Mission also, und plötzlich ist es irgendwie gar nicht mehr seltsam, daß sich zwischen all der bayrischen Folklore zwei Covers von Hank Williams befinden, diesem Countryrebellen, diesem Künstler und Säufer, demjenigen, der persönliche Abgründe in die Countrymusik gebracht hat und sie als erster zum Vehikel für die eigene, ganz persönliche Pein machte, dem allzufrühverstorbenen Schmerzensmann mit dem ewigen schiefen Grinsen im Gesicht. Und genau das ist diese Platte für Bayern: aufrechte, ernstgemeinte Schmerzensmusik aus dem Hinterwald mit einem dermaßen schiefen Grinsen im Gesicht, daß es nur so eine Freude ist.

Ach ja, und bestellt Euch doch bei der Gelegenheit gleich den gesamten Backkatalog von Gutfeeling, da könnt Ihr nix falsch machen.

www.gutfeeling.de