GF040 Fred Raspail

Gutfeeling Records, 2014

So langsam wird’s ja doch wärmer draußen, abends sitzt man schonmal – warm eingepackt – mit den Freunden draußen im noch nur mager eingerichteten Biergarten, und am nächsten Morgen brennt’s dann zwar beim Pinkeln, aber eine Ahnung vom Sommer hatte man doch. Und wenn’s dann doch zu kühl wird draußen, dann hilft ein guter Schnaps, vielleicht schon ein Pernod. Der schmeckt auch schon nach Sommer, wärmt aber trotzdem.

Womit wir eigentlich beim passenden Thema zur Musik vom Französischschweizer Fred Raspail wären: Trinken und durchgemachte Sommernächte, mit allem, was dazugehört – Musik, Mädchen, Melancholie und eine gehörige Portion Tanzbein. Fred Raspail kommt vom Genfer See und hat, was man auch hört, gute Kontakte zur Szene um Voodoo Rhythm. Sein Herz gehört aber dem Chanson, Rock’n’Roll und Punkrock hin, Country und Folk her.

Ja, man wird beim Hören der „French Ghost Songs Part II“ kräftig durchgeschüttelt, und die Melange aus oben Genannentem ist ein großer Spaß, angefangen beim Bluesrock „Ulyssee“, dem Boom-Chicka-Boom von „Honest Man“ und dem Country-Waltz „Katrina“ hin zu „Die geiste“ [sic!], „loosely based on ‚the girl in the lake‘ by pierre omer“, dem ersten Ruhepol des Albums, ein gespenstisches Liebeslied an, hmja, an wen? Französisch müsste man können… „Dans les herbes folles“ hat dann wieder diesen klassischen Rhythmus von Johnny Cash, Fred Raspail schmachtet aber so wundervoll wie Elvis morgens um halb vier.

„The devil wants a girl“ zitiert dann frech „Sympathy for the Devil“, allerdings mit einem derart fiesen Gitarrensound und einer Fröhlichkeit, daß man sogar völlig übermüdet, wie ich es grade bin, aufstehen und alles mögliche schwingen will. An dieser Stelle sei am Rande übrigens auch Raspails niedlicher französischer Akzent in seinen englischen Liedern erwähnt, der das Ganze noch charmanter als eh schon macht.

„My baby left me“ schmachtet wieder daher, als hätten Elvis, Tom Waits und die Pussywarmers gemeinsame Sache gemacht, das kurze, gepfiffene Reprise „Die geiste part II“ nimmt sich dann wieder weit zurück, lässt der einzelnen verhallten Gitarre viel Raum und ist viel zu schnell vorbei. Mein persönlicher Liebling auf der Platte ist dann „Elle a pleuré“, ein trauriger Chanson, ein trister Walzer mit Banjo und Akkordeon, Slidegitarre und schön viel Gefühl.

Zum Glück bleibt man nicht lange traurig, „Lasse vegas“ drückt wieder tüchtig aufs Gas, eine feine Mischung aus klassischem Chanson und Rock’n’Roll, ein großer Spaß in Moll. „Chout mi sou“ ist dann wieder ein mächtiger Blues, der mich aufs erste Hören in seiner scheppernden, windschiefen Wucht an Judge Bone & Doc Hill erinnert, ehe es am Ende mit „I’m in love with a girl who doesn’t care“ nochmal schön schmalzig wird, ein schöner Abschluß für diese Platte und ein gutes Lied für ein letztes Glas Wein, ehe es draußen zu kalt wird.

Das Bemerkenswerte an „French Ghost Songs Part II“ ist, das es Fred Raspail bis auf die ein oder andere Hilfestellung hier und da komplett allein eingespielt hat und dank einer Loopmaschine so ähnlich wohl auch live klingt. Raspail ist also nicht nur stilistisch ein vielbegabter Mann, sondern auch handwerklich. Er hat eine Stimme zum dahinschmelzen, weiß, wie man schmachtet, weiß, wie man rockt, und er weiß, wie man eine Platte macht, die klingt, als ob man die nächste Flasche Wein zusammen mit den Fremden am Nebentisch trinkt und auf ewige Freundschaft anstößt. Von mir aus kann der Sommer jetzt kommen, die richtige Musik habe ich jetzt.

www.fredraspail.com
www.gutfeeling.de

pussywarmers

Voodoo Rhythm, 2009

Zugegeben, sowohl der Bandname als auch der Plattentitel sind so bescheuert, daß es mich einige Zeit gekostet hat, überhaupt mal in die Platte reinzuhören, Voodoo Rhythm hin oder her. Und das schön gestaltete Cover mit der Pin-Up-Schönheit Dolly Diamonds kann auch nicht wirklich über das Pennälerwortspiel hinwegtäuschen: „Wer wärmt hier wen, höhö!“

Aber dann, der verzweifelte Wille, meinem hiesigen Plattenhändler trotz eher reduziertem interessantem Angebot etwas abzukaufen, war groß, wagte ich es doch, und seither läuft „My Pussy Belongs To Daddy“ auf meinem Plattenteller auf heavy rotation. Die fünf Heißsporne aus der italienischen Schweiz haben mit ihrem Debut ein wirklich schönes Album hingelegt, zwischen 20er-Jahre-Swing-Schönklang, wildem Balkangetröte und dem für Voodoo Rhythm recht typischen chaotischen Krach. Sie selbst nennen sich ein „Little Freak Circus Orchestra“, und das trifft es ziemlich gut. Mit Gitarre, Contrabaß, Perkussion, Akkordeon, Banjo, Posaune, Trompete, Tuba und dem nicht immer schönen Gesang von Fabio Pozzorini und Damiano Merzari holen einen die Fünf in ihre ganz eigene Welt zwischen Zirkuszelt und Gosse, zwischen Wagenburg und schweißtreibendem Underground-Club.

Dabei verfallen sie nie dem mittlerweile doch recht abgenudelten Balkan-Beat, sondern halten sich immer eine Hintertür offen zu traurigen-wilden Walzern wie dem eigentlichen Opener (nach dem Gepfeife auf „Bonjour Madame“) „Dead“ oder dem wunderbaren „Dounats“ mit seinem traurig-poetischen deutschen Text, der klingt wie von M.A. Numminen gesungen (und, dieser Einwurf sei mir erlaubt, wem dieses Lied nicht zu Herzen geht, wählt die FDP und wirft nie einem Bettler was in den Hut), zu kleinen Chansons wie „Bateau“ oder zum trägen Jazz von „Summertime“. „I Saw The Devil“ könnte von Hank Williams stammen, wäre dieser auf dem Balkan zuhaus‘ gewesen, und „Ashes“ ist ein Stampfer, der auch Judge Bone gut gestanden hätte, im entsprechenden Soundgewand freilich. „I Wanna Have“ ist ein schönes, kleines, trotziges Liedchen, dessen Gegenstück auf der B-Seite, „My Time Has Gone“, das einzige Stück der ganzen Platte ist, das sich die Pussywarmers hätten sparen können – zu pubertär ist der Text („my parents always told me to be what I wanted to be / and the meaning was I should do what they had wanted to do / and now my time has gone“), zu beliebig die Musik – aber das vielleicht auch nur im Vergleich zu den anderen, meist ganz bezaubernden Stücken. Mit „Love You / Introduction To An Ending“ landen die Pussywarmers schlußendlich dann doch noch irgendwie beim 60’s-Beat, zitieren dabei „I Will Follow Him“ aus „Sister Act“ und machen beim abschließenden „Au Revoir Madame“ nochmal tüchtig balkanesken Krach.

Überall auf dieser Platte (bis auf ein, zwei Stücke) scheppert irgendetwas, klonkert ein schiefes Banjo, klagen die Bläser, quäken die beiden Sänger, springen die Aufnahmen zwischen Diktiergerät-field recordings und, naja, irgendwie einer Produktion hin und her, aber bei aller chaotischen Wagenburg-Weltmusik-Vagabunden-Attitüde vergessen die Pussywarmers niemals die Schönheit von Melodie und Melancholie. Trotz des offensichtlichen, schönerweise in jedem Ton zu spürenden Spaßes an der Musik, trotz der ungestümen Wildheit mancher Stücke sind die Pussywarmers wesentlich erwachsener, als es ihr blöder Bandname vermuten läßt. Das ist gut, denn die Buben können was, und das zeigen sie auch, aber mit viel Freude am Chaos, an schrägen Tönen und am puren Spaß im Leben.

www.thepussywarmers.com
www.voodoorhythm.com